Reflektionen an einer Verkehrsampel

Da stehst du so an der Ampel, kratzt dir die Eier und denkst an nix Böses. Es ist ein schöner, sonniger Tag, bei offenem Schiebedach schon fast ein klein wenig lästig wegen des Blendfaktors und der beginnenden Insektenplage, von deren Teilnehmern sicher auch ein Teil in deiner Winterkarre gebrütet hat, aber egal, Mitte März nimmst du ja jeden Sonnenstrahl auf wie ein Schwamm das Wasser und die Insekten die Schimmelpilze unter deiner Rückbank.

Und alles ist gut.

Ja von wegen. Kaum macht sich so etwas wie Zufriedenheit breit und droht schon fast das allgegenwärtige Gefühl galoppierender Panik über den Zustand der Welt im Allgemeinen und deines Lebens im Besonderen für einen Moment in Vergessenheit geraten zu lassen, da naht auch schon das Unheil, diesmal verkleidet als altes 3er BMW-Cabrio, tief, hart, dumm und laut. Die mißhandelte bayerische Eierfeile versucht sich laut quietschend neben dir in den Asphalt einzugraben, weil die Ampel ja plötzlich vor kaum drei Minuten auf Rot gesprungen war und auch nur wenige hundert Meter weit zu sehen ist. Dich überrascht das allerdings kaum, denn man hörte sie ja schon seit geraumer Zeit herannahen.

DUMM-tschick-DUMM-tschick-DUMM-tschick-DUMM-tschick-DUMM-tschick-DUMM-tschick. Vom Nervfaktor her das akustische Äquivalent zu blinkendem Text auf Webseiten. Untermalt vom dumpfen Brabbeln eines kleinen Vierzylinders, der mit Hilfe eines Edeldünnblech-Abgasrohres vom Durchmesser einer normalen Erdgaspipeline versucht, einen großen Achtzylinder akustisch zu emulieren - nicht überzeugend, aber dafür um so lauter. Das disharmonische Vibrieren des hinteren Kennzeichenträgers mit dem gar einfallsreichen Sinnspruch "Man gönnt sich ja sonst nichts" trägt da schon wieder zur Erheiterung bei.

Gelegenheit für eine Charakterstudie. Die Blicke schweifen über das übliche Bild: Klamotten für 500 Mark und Verstand nicht für 5 Pfennig. Nachgemachtes Kunstholzimitat am Armaturenbrett und Echtholz quer vor der Stirn, zumindest in deiner Vorstellung. Dümmlicher Gesichtsausdruck unter falschrum aufgesetzter Schirmmütze - macht nix, das Verdeck ist ja trotz Superwetter selbstverständlich zu. Logisch... die Spannungsrisse in der durch Abwesenheit von Federung malträtierten Karosse lassen das Öffnen desselben auch recht riskant erscheinen. Das Übliche.

Das Äußere der Karre ist auch nicht ungewöhnlich: Felgen, so hoch wie breit (je ca. 10 Zoll), die offenbar öfter eine Zahnbürste sehen als die Zähne des Fahrers, mit einer dünnen Schicht Gummi drumrum und ein wenig Alibiluft dazwischen, weil Vollgummibereifung ja seit 1917 nicht mehr so richtig in ist. Der Federungskomfort des Gefährts dürfte das Niveau von 1917 trotzdem nicht nennenswert überschreiten. Bestimmt nicht gut für die wenigen Hirnzellen, die das Geräuschniveau überlebt haben könnten... vielleicht.

Dich vom grausamen Anblick abwendend, bevor sich deine Blicke mit den seinen treffen und ihm so die Gelegenheit geben, Deinen dezenten, vernünftigen, altersschwachen und hoffnungslos untermotorisierten Mittelklassewagen bei einem der berüchtigten einseitigen Ampelrennen zu versägen, wirst du eine junge Mutter gewahr, die ihre Brut in einem ungefederten, kleinrädrigen und mit Rallyestreifen verzierten Buggy mit Schwung über den Bordstein kantet, daß dem Gör der Kopf erbebt, als trainiere es für eine Rolle als Hutablagen-Wackeldackel. Gewisse Parallelen drängen sich auf. Die erste Buggy-Generation ist doch jetzt im führerscheinfähigen Alter, kann das hinkommen? Vage erinnerst du dich an das allmähliche Verschwinden der gemütlich gefederten Großradkinderwagen zu einer Zeit, als du noch nicht der einzige in deinem Freundeskreis warst, dem Kinder und die dazugehörigen Wagen völlig am Arsch vorbeigingen.

Die Ähnlichkeiten zwischen der Kinderkarre von Rudis Reste-Rampe für 239,- und der Proletenfeile von Üzgürs Verbrauchtwagenhandel für 6.999,- sind wirklich einigermaßen beeindruckend. Nur die Farben des babydünnschißkontaminierten Plastikteils sind schriller als die des teenagerspermadurchtränkten bayerischen Motorwagens. Aber den dadurch verspielten Aufmerksamkeitswert macht der letztere ja locker durch Geräuschpegel wett, für die der Insasse des ersteren noch seine ureigensten Lungenbläschen aufs Sabberlätzchen befördern muß. Jaja, denkst du dir: Vorsprung durch Technik. Ach nein, das waren ja die anderen Bayern. Oder waren das Franken? Egal.

Vermutlich ist diese Ähnlichkeit die Folge eines klassischen Falls frühkindlicher Prägung, denn auch die Insassen haben Gemeinsamkeiten in Frisur, IQ und Gesichtsausdruck. Und Lautstärke vermutlich. Aber da du mit keinem von beiden näheren Kontakt pflegst, kannst du letzteres nur vermuten...

Der Aufstieg von der Ikone des Vermehrungswahns über das Bobbycar zum BMW scheint geradezu zwangsläufig. Als Ironie des Schicksals mutet es da an, daß der nächste Schritt auf der Leiter direkt zum Ford Galaxy führt, inklusive der unvermeidlichen Heide-Park-Soltau-Aufkleber und Kinderkotzeflecken im gräulichen Velours, aber trotzdem mit schwarzer Scheibenfolie, Alufelgen, Kuhfänger und bunten Rückleuchten bis an den Rand der Lächerlichkeit verunstaltet (was ja beim Galaxy an sich auch schon 'ne Leistung ist...) - nur der Kofferraum ist statt Baßboxen und Goldkontaktsteckern nun voll mit Windelkartons und Aletebreipaletten. Tja, denkst du dir mitleidslos, wie das Leben so spielt.

Und wie das Leben so spielt, weckt dich das Hupen eines solchen Pampersbombers aus deinen tiefschürfenden Beobachtungen. Ebenso natürlich den Fahrer des bayerischen Stoffdach-Dünnblechhaufens, der selbigen geflissentlich mit heulenden Pirellis über die Kreuzung katapultiert, die Mutter samt Kinderkarre nur knapp verfehlend (wär ja an sich kein herber Verlust gewesen, denkst du dir noch, Kinder sind ja billig in der Herstellung). Vergessen sind alle Gedanken an Zufriedenheit, vergessen ist die Freude über den Sonnenschein oder das Gevögel der Zwitscher.

Der Alltag hat dich wieder. Hurra. Willkommen in Schlabonskis Welt.

Diese Seite:
Zugriffe seit dem 19.03.1999

Schlabonskis Welt:
Site Meter
Für Statistik auf den Counter klicken!