Angst

Vor gut einem Jahr zerschellte ein ICE an einem Brückenpfeiler. Das ist nicht besonders erfreulich. Zwar war es weder das erste derartige Unglück in Deutschland, geschweige denn in der Welt, noch wird es das letzte gewesen sein - was aber prägend für unsere Kultur und damit Gegenstand dieses Artikels ist, ist die sinnlose Angst vor dem Zugfahren, die in der Folge zu beobachten war und bis heute ist.

Es ist schon seltsam: da setzt sich der gemeine Mensch alltäglich größter Gefahr aus, schon wenn er ins Auto oder aufs Fahrrad steigt und sich zum Arbeitsplatz begibt, aber vor statistisch relativ sicheren Tätigkeiten wie dem Wechseln von Sicherungen, dem Betreten von Aussichtstürmen oder eben dem Fahren mit der Bahn hat er Angst.

Angst an sich ist ja beleibe nichts Schlechtes - es wäre im Gegenteil ausgesprochen unpraktisch, vor herannahenden Schlägerbanden oder Fernlastzügen keine zu empfinden. Und da das auch für Mammuts und Säbelzahntiger zutrifft, sind die Furchtlosen unter uns auch überwiegend ausgestorben. Aber wovor er Angst hat, darin ist der Mensch an sich leider recht subjektiv. Und das wiederum ist geeignet, mich zur Raserei zu bringen.

Da forderte doch ein selbsternannter Wissenschaftler nach dem erwähnten Zugunglück allen Ernstes, eine Anschnallpflicht im Zug zu erwägen. Super-Idee. Das hätte bestimmt tierisch geholfen. Man stelle sich vor: in einem Zug sitzend, der sich gerade mit ca. 200 km/h zollstockartig an eine Böschung faltet, die Luft dick mit umherfliegenden Coladosen, Tischen, Wänden, Glassplittern, Blechfetzen und Drehgestellen - da beruhigt doch so ein Gurt ungemein.

Der tiefere Grund dieses Ansinnens liegt wohl eher in einer Art instinktiven Gerechtigkeitssinns: wenn ich mich im Auto anschnallen muß, dann sollst Du Dich im Zug auch anschnallen müssen. Ist ja auch 'ne Frechheit, einfach so während der Fahrt essen zu gehen.

Und so machen sie dann Geschäfte mit der Angst. Ich könnt mir vorstellen, daß nach dem Wuppertaler Schwebebahnunglück neulich die örtlichen Busunternehmer damit warben, ihnen sei noch nie ein Bus in die Wupper gefallen. Zumindest die Presse oder das Radio wird das aber mit Sicherheit verbreitet haben - wenn nicht, tät's mich wundern. Daß aber andererseits die Schwebebahn noch nie mit einem Lastwagen zusammengestoßen ist oder überhaupt zuvor in den fast 100 Jahren ihrer Existenz Menschenleben gefordert hat, tut ja bei solchen Diskussionen weniger zur Sache.

Ähnliches gilt für die Fluglinien, die nach dem Untergang der Herald of Free Enterprise deutlich suggerierten, man fliege doch eher selten mit offenen Türen los. Ich war etwa einen Monat nach dem Fährunglück auf einem Schwesterschiff - die Stimmung an Bord war gedrückt. Daß ich Witzchen gerissen habe, tut mir, mich der gequälten Gesichter erinnernd, heute noch nicht leid. Denn eigentlich wußten wir's alle: der Käpt'n wär doch eher dreimal persönlich ins Autodeck runtergerannt, als sich seiner Sache nicht vor dem Auslaufen sicher zu sein.

Außerdem schlägt der Blitz nicht zweimal in denselben Baum, es sei denn, es ist nach dem ersten Mal immer noch der höchste in der Gegend.

Aber selbst wenn Unfälle sich häufen wie letztens bei der Bahn, ist doch Angst vor der Benutzung eines solchen Verkehrsmittels ziemlich schwachsinnig. Denn entscheidend ist doch, bzw. sollte sein, was hinten rauskommt. Selbst wenn man Statistiken nicht glauben mag, die pro wasweißichwievielen Millionen Personenkilometern nur wasweißichwiewenige Todesopfer attestieren, tut's doch ein simpler Plausibilitätscheck.

Selbst wenn, wie in Eschede, der "wööast käisse" eintritt (und das tut er selten, alle paar Jahre, meist sind's doch nur ein paar Schwerverletzte), überleben trotzdem in der Regel weit mehr als 50% der Passagiere den Unfall. Das ist für ein Massenverkehrsmittel hervorragend. Man vergleiche mit Flugzeug oder, wenn auch weniger deutlich, Schiff. Jahaha, sagen die Bahngegner, aber beim Auto ist das auch so. Toll. Wie oft warst Du, lieber Leser, Zeuge oder Beteiligter an einem schweren Autounfall? Ich jedenfalls schon öfter. Bahn? Flugzeug? Nö.

Gut, okay, ich fahr auch mehr Auto. Trotzdem: solange über schwere Bahn-, Flugzeug- und Schiffsunglücke noch überregional und anhaltend berichtet wird, solange habe ich keine Angst vor ihnen. Denn solange sind sie die Ausnahme von der Regel.

Und wenn all die Idioten stattdessen lieber Auto fahren, bitte - das macht zwar die Alternativen nicht absolut, wohl aber relativ sicherer. Denn im Auto hat der Debile "sein Schicksal selbst in der Hand". Danke, ich verlaß mich da lieber auf Profis.

Die sind zwar auch nicht unfehlbar, aber unfehlbarer als ich und die anderen Laien in Schlabonskis Welt.

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