Du bist mein Reim auf Schmerz

Schönen Dank an Heinz Rudolf Kunze für die Titelzeile. Natürlich hat er sonst nix mit diesem Pamphlet hier zu tun, loggesch. :-)

Hach, wie angenehm muß es doch einst in der Jungsteinzeit gewesen sein, als es das Wort "Beziehung" noch nicht gab. Das Beisammensein von Mann und Frau nur bestimmt von Instinkt und Laune, das klingt doch gut, erst recht für den, der sich in unserer ach so zivilisierten Welt einmal genauer umsieht. Gestandene Mittfünfziger, die ihre ebenso gestandenen Gattinnen "Mutti" nennen, und harleyfahrende Hardcore-Rocker mit Ring am Finger. Die Welt spielt verrückt. Menschen kaufen Großraumlimousinen und Kindersitze, und wer, wie ich neulich, es wagt, seinem Kinderhaß Laut zu verleihen, muß sich böse Blicke bieten lassen.

Wenn ihr doch nur verstehen würdet, daß ich Kinder gar nicht hasse. Wenn sie mich in Ruhe lassen. Das ist wie mit Rauchern und ähnlichen Subspezies der menschlichen: ich kann gut mit dem Wissen um ihre Existenz leben, hinreichenden Sicherheitsabstand einmal vorausgesetzt. Bei Rauchern ist das die Riech-, bei Kindern die Hörweite. Die Deutsche Bundesbahn bietet ja schon Nichtraucherwagen an, löblich löblich... wie wäre es mit Nichtkinderwagen? Dann störten nur noch die Telefonanierer und die Gameboyvergewaltiger, mindere Nervfaktoren mithin.

Nun ist ja die menschliche Vermehrung eine natürliche Sache, das zu bestreiten gelingt selbst mir nicht ohne weiteres. Ich bin auch nicht notwendigerweise der Ansicht anderer, daß derlei Aktivitäten fürderhin komplett zu unterbinden seien - bitte, bitte, wer will, kann ja.

Aber doch nicht ICH!

Und dennoch ist die Aussage, sich nicht vermehren zu wollen, geeignet, nächtelange Diskussionen heraufzubeschwören, Partnerschaften zu beenden und allgemein als Menschenverächter, Egoist und krankhafter Perversling dazustehen. Frauen haben in unserer Gesellschaft das selbstverständliche Recht, "über ihren Körper selbst zu bestimmen" und die unerwünschte Brut ggf. absaugen zu lassen. Schön und gut, immerhin der pränatale Teil des Entsorgungsproblems ist gelöst - aber wieso bin ich dann ein Unhold, wenn ich darauf aus bin, selbige gar nicht erst zu erzeugen, und zwar aus Prinzip nicht und vermutlich auch nicht in Zukunft? (Über den postnatalen Teil des Entsorgungsproblems mich auszulassen steht hierzulande ja unter Strafe, daher behalte ich meine diesbezüglichen Ideen lieber für mich. Nur sollte man mal drüber nachdenken, daß, wenn das "Einschläfern" von unerwünschter Tierpopulation anerkanntermaßen so human sei, es doch eigentlich nur aufgrund der Rassenzugehörigkeit des fraglichen Tieres zu den homo sapiens nicht weniger human sein können müßte - und dann geeignete Konsequenzen ziehen, wobei ich bewußt offenlasse, in welcher Richtung.)

Den Mann zieht es zur Frau, zumindest meist, und das trifft auch auf mich zu. Nur dünkt es mich seltsam, daß die Frau, so sie denn diese Anziehung ebenfalls empfindet, diese früher oder später, gleichwohl aber unweigerlich, mit gemeinsamem Nachwuchs zu verewigen den Wunsch verspürt. Wenn's denn sein muß, daß sie sich vermehre, bitte, von mir aus - jeder hat so seine Hobbies. Aber warum soll ich bluten für das zweifelhafte Privileg, für die Herstellung der Rotznasen einige Spritzer milchiger Flüssigkeit beigetragen zu haben? Wenn ich damit dienlich sein kann, kein Thema - aber deswegen positive Gefühle zu entwickeln für das schreiende und stinkende Produkt des biologischen Vorgangs fällt mir schwer. Und dann dafür noch zahlen sollen, ja schlimmer noch, vom Gesetzgeber dazu gezwungen werden? Bei dem Gedanken wird die Option einer operativen Samenleiterdurchtrennung unverhofft attraktiv. Zahlt die Kasse selbstverständlich nicht, ist ja logisch.

Man verstehe mich nicht falsch: ich habe nichts gegen Frauen und deren Gleichberechtigung, fürwahr nicht. Nur wenn ich mich so umseh, dann seh ich jede Menge Glück und Zufriedenheit geopfert auf dem Altar des Götzen, den man mit "glückliche Zweierbeziehung" oder ähnlichen Wortungetümen zu bezeichnen beliebt, vermutlich deshalb, weil das einfachste und ehrlichste Wort dafür, nämlich "Liebe", nicht den Tatsachen entspricht. Okay, das spricht ja immerhin für die Ehrlichkeit der "Beziehungsmenschen", aber mein Gott, hättet ihr euch nicht was weniger Sperriges ausdenken können? Das Wort "Beziehung" an sich erinnert mich immer an Presseerklärungen und Botschafter, und auch nicht erst seit Heinz Rudolf Kunze. Will ich so mein Leben führen?

Schlimmer noch: die Ewig-Verlobten. "Meine Verlobte ist..." hier, "Meine Verlobte hat..." dort, grusel, da laufen einem doch die Schauer den Rücken runter. Das klingt doch wie finsterstes Mittelalter, als man noch Probezeiten zu absolvieren hatte. Wenn du sie nicht wirklich heiraten willst, wofür ich ja vollstes Verständnis habe, dann sag in Gottes Namen "Freundin", auch wenn du zu den vorläufig Beringten zählst - und wenn doch, dann heirate sie eben. Aber verschone mich bitte mit derlei Details.

Nun bin ich den Zuwendungen des weiblichen Geschlechts gewiß nicht abgeneigt (Bewerbungen hierher), nur frage ich mich, ob es denn wirklich so ungewöhnlich sei, dafür nicht mein ganzes Leben samt aller Vorlieben und Abneigungen umkrempeln zu wollen. Seltsamerweise tun das aber alle anderen... naja, fast alle, manche hatten so ein Leben ja schon vorher.

Und dann sitz ich so bei einem Kumpel im Auto, bin irgendwoher unterwegs nach Hause und hör mir die ganze Fahrt dessen "Beziehungsprobleme" an, entweder mit mir diskutiert oder am Handy mit seiner Freundin live ausgelebt, und ich frage mich, was schlimmer ist. Was ist passiert mit den Zeiten, in denen wir noch über andere Themen geredet haben und jeder seine Frauenprobleme für sich behalten hat, außer natürlich in gewissen rotweingeschwängerten Nächten? Warum müssen wir das alles bloß so verbissen sehen? Nur weil wir stramm auf die 30 zugehen? Erkenne ich da sowas wie Torschlußpanik in rotgeränderten Augen?

Und so fahren die Wilden von einst nun brave Mittelklassewagen mit Stufenheck und Kindersitz, sind pünktlich um 21:30 zu Hause und trinken ihr Feierabendbier, und sie merken gar nicht, wie bemitleidenswert sie sind. Okay, ja, vielleicht wirke ich auf sie genauso, kann ja sein. Aber das tut eigentlich gar nichts zur Sache. Bin ich nun dumm gebleiben, oder sind sie dumm geworden? Was ist aus den Schwüren geworden, so wie unsere Alten würden wir nie?

Und warum, verdammt nochmal, muß ich mir ewig anhören, daß auch ich einst die Richtige finden werde? Solche Diskussionen erinnern mich immer verdächtig an Tupperparties, Diättips und obskure Glaubensgemeinschaften - man kann nun mal in dieser Gesellschaft nicht glücklich sein ohne Plastikschalen, Traumfigur, Gott und Gattin. Die Ehe als weitere Sprosse auf der Leiter des Konsumterrors. Mein Auto, mein Haus, mein Boot, meine Frau, meine Kinder, mein Kindermädchen. Meine Scheidungsurkunde. Mein feuerroter Kontoauszug.

Einbahnstraße in die Sackgasse. Willkommen in Schlabonskis Welt.

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