Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Bläckbörd

Ich bin ja normalerweise ein gefürchteter Langschläfer. Außer zu dieser Jahreszeit jedenfalls. Das liegt nun aber nicht an der herrlichen Morgenluft oder den schönen Sonnenaufgängen – sowas kann ich normalerweise nur dann genießen, wenn ich auch denken kann, was zu einstelligen Uhrzeiten nur vor dem Schlafengehen der Fall ist –, nein, das liegt an unseren gefiederten Freunden.

Freunden? Hab ich Freunden gesagt? Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Morgens um halb fünf ist die Nacht zuende, zumindest, wenn man den Viechern Glauben schenken will. Und aber auch dann, wenn nicht – dafür sorgen sie mit ihrem ohrenbetäubenden Gesang. Menschen oder Haustiere, die sich so benehmen, hätte man längst der Wohnung verwiesen, aber die Flügelratten wohnen ja nicht mal bei mir, sondern bloß vor meinem Fenster. Zu hunderten. Sehen tu ich selten mal eine, aber es klingt so.

Nun bin ich nicht der Typ, der sich vom Gesang einer Amsel ernstlich stören läßt. Mehr noch, ihr Fie-wa-tirili-da-tüüt ist durchaus der angenehmeren Tonfolgen eine und sicher nicht so aufdringlich wie die Tram, die sich alle paar Minuten an meinem Heim vorbei in die Haltestelle einbremst und dabei klingt wie ein entferntes Verkehrsflugzeug beim Einschalten des Umkehrschubs. Leben kann ich mit beidem.

Ich kann sogar bei beidem schlafen. Die Trams fahren hier von morgens um fünf bis morgens um zwei oder so, der Autoverkehr kommt niemals ernsthaft zum Erliegen, und nie hat mich das je gestört.

Aber es ist nicht eine Amsel da draußen, es sind ihrer hunderte. Und die singen dann eben nicht gelegentlich mal ein Fie-wa-tirili-da-tüüt, sondern stattdessen ein konstantes:

Fie-tüüt-ti-wa-ri-fie-da-tüüt-fie-tüüt-rili-da-fie-tiri-wa-ti-tüüt-li-fie-wa-tüüt-ta-fie-tiri-rili-tüüt-wa...

Stun-den-lang. Bis es hell genug und der Zivilisationslärm hinreichend angeschwollen ist, daß man eh nicht mehr einschlafen kann und es sich auch nicht mehr lohnen würde, weil der Tag eh schon beinahe läuft.

Um die Qual besser zu illustrieren, nehmen wir als Vergleich mal Paul McCartney, der statt der Amsel Fie-wa-tirili-da-tüüt folgendes über sie singt (ich bitte um Entschuldigung für die klägliche Andeutung von Tonhöhen durch hoch- und tiefgestellte Silben):

Bläck-börd sin-ging in se dätt of neeeid
Tähk siehs bro-ken winx änt lörn tuh flei
Ohl johr leeif
Juh wöhr ohn-lie wäi-ting fohr siß moh-ment tuuh ar-reif

Schön, nicht? Doch. Schön.

Und nun stelle man sich die Kakophonie vor, wenn hunderte Paul McCartneys gleichzeitig folgendes zum besten geben:

bläck of ging änt ar neeeid tähk neeeid bro in wäi siehs dätt se lörn tähk tuh in lörn siehs ken bro bläck änt ting winx neeeid flei siehs lie ging moh wäi reif börd sin ting ging se fohr tuuh ohn dätt fohr of tuuh tähk börd wöhr tuuh winx lie tuh ohl ment wäi wöhr moh juh ohn ting tähk ar winx juh se moh of reif tuuh bläck leeif ment reif sin dätt flei of juh ting leeif ken ohn winx siß änt siß sin lörn neeeid tähk neeeid bro in wäi siehs dätt se lörn tähk bro tuh ken sin flei ment leeif juh flei bro ohn ting moh of reif tuuh bläck leeif ohn siß siß dätt johr fohr neeeid siehs bro ment tuh ar moh tuh bläck wäi reif wäi börd reif tähk änt johr in bläck ging winx in wöhr dätt johr ohl tuuh leeif in of wöhr lie neeeid fohr siehs änt börd johr lie sin flei leeif se ohl juh ken ohn ohl fohr moh of reif tuuh bläck leeif ment reif sin dätt flei of juh ting leeif ken ohn winx siß änt siß sin lörn bro tuh ken sin flei ment leeif juh flei bro ohn ting moh of reif tuuh bläck leeif ohn siß siß dätt johr fohr neeeid siehs bro lörn siß ken ar börd wöhr ging ment se lörn johr lie ting moh ar ohl ...

Irgendwann macht dann auch der härteste Paul-McCartney-Fan das Fenster zu. Ab dem zweiten Stock aufwärts auch gern mal von außen.

Ja. Und darum sitz ich nu hier und schreibe mir den Unmut von der Seele, unausgeschlafen, morgens um kurz nach sechs, als ob ich nix Besseres zu tun hätte. Aber was soll ich denn machen? Bei geschlossenem Fenster schlafen kann ich nicht, in einer Großstadt leb ich schon, sogar ziemlich innenstadtnah; Bäume umhacken darf ich nicht, Amseln vergiften mag ich nicht – dann werd ich wohl weiter früh aufstehen müssen. Das Leben kann hart sein.

Vor allem in Schlabonskis Welt.

Erstellt am 17.05.2002.

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