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Rechtschreibdeform

Nun ist sie also offiziell, und keiner hat's gemerkt. Die gleich geschaltete Presse schreibt, erfüllt von überschwänglichem Stolz, dass sie die aktuellen Tipps ab sofort in der hier zu Lande gültigen Rechtschreibung zu verfassen gedenke, und der Leser fügt sich, müde des aufwändigen Protests, mit einem leisen Stöhnen in sein Schicksal. Doch keine Bange, es gibt noch Hoffnung: dieser (sicher auch in Neuschreib nicht ganz fehlerfreie) Absatz bleibt bis auf Weiteres der einzige rechtschreibdeformierte auf Schlabonskis Welt – dass wir Euch das schuldig sind, wissen wir.

Vielleicht sind wir nicht die letzte Bastion der Zivilisation, aber wir sind sicher eine der unwichtigsten.

Viele Megabytes an Diskussionen sind in den letzten Jahren durch die Datennetze geflossen, und wer die einschlägigen Njuhsgruhps liest, bemerkt eher eine Zu- als eine Abnahme der Kontroverse jetzt, wo nicht nur der Duden, sondern bereits der Spiegel massenweise Argumente liefert. Daß auch eine sinnvolle Reform, was auch immer das gewesen hätte sein können, intensiv diskutiert worden wäre, steht außer Frage. Ebenso, das es hete slimer komen konen. Aber die nun offizielle Deform? Man kann sie ertragen, man wird sich dran gewöhnen, sagen ihre Befürworter. Man frage sich aber: was hat sie erreicht?

Weder Ümläüte noch das ß, Geißeln der Computerwelt, sind abgeschafft. Ebensowenig die Großschreibung, im Gegenteil: ihre Rolle wird gestärkt. Stattdessen reformiert man, ohne dabei aber den Lernaufwand nennenswert zu verringern, die Auseinander-oder-zusammen-Schreibung (im Zweifel auseinander, Zweifels ohne aber weiterhin zusammen), ändert ohne Not die Vokale einiger Wörter (aufwändig hat nichts mit aufwenden zu tun, schon klar), verballhornt Fremdwörter zu Exposee und Spagetti (warum nicht gleich Ecksposeh und Schpagetti? Das wär immerhin konsequent gewesen), ersetzt eine sinnlose Trennregel (Trenne nie st, denn es tut ihm weh) durch eine andere (Trenne nie ck, denn es geht ihm nah) und verkauft's vor allem als Riesenfortschritt, ß nach kurzen Vokalen durch ss ersetzt zu haben.

Das Ganze mit dem vorgeblichen Ziel, "die Fehlerzahl zu verringern" (die erforderliche Neuproduktion aller Regelwerke, Schulbücher und Lexika ist natürlich nicht der Hauptzweck, ebensowenig wie die Selbstverwirklichung der Regelnden). Hmmm... man könnte zum Erreichen dieses hehren Ziels natürlich auch den Schulunterricht verbessern – ein paar Lehrerstellen wären auch sicher billiger gewesen als die Deformierung –, aber man kann natürlich auch die Latte niedriger legen, statt den Springer zu trainieren, logisch. Wenn's denn was bringt...

Das allerdings wage ich zu bezweifeln. Da hätte man eher die typischen Fehlerquellen abschaffen sollen: das vs. daß etwa wird nicht einfacher, wenn man das daß nun dass schreibt. Auch hier also: Ziel verfehlt. In diesem Falle gottseidank.

Wie auch überhaupt der Befolgungsgrad der von der Obrigkeit verordneten Änderungen viel schlechter ausfällt als weiland die Wahlergebnisse der SED: nur die armen Schweine in den Schulen sehen sich gezwungen, die gesamte Deform zu übernehmen, und jeder andere (inkl. großer Zeitungsverlage) bastelt sich zur Stunde sein eigenes Reförmchen zusammen aus den Änderungen, die ihm kein körperliches Unwohlsein bescheren.

Denn solche gibt es natürlich auch, klar: warum auch sollte man z.B. Sauerstoffüllung mit weniger fs schreiben als Sauerstoffflasche? Solch logische Regeländerungen werden vielleicht mittelfristig auch hier Einzug halten, wenn auch wohl eher versehentlich als aufgrund einer Willensanstrengung meinerseits. Der Großteil des Regelwerks indes erscheint mir als zahnschmerzeninduzierende Willkür. Und da mich für den Mist hier eh keiner bezahlt, wird man solche Dinge hier auch in Zukunft nicht finden.

Außer natürlich ganz oben auf dieser Seite.

Schlabonskis Welt bleibt, was sie war.

Appdäiht vom 07.08.2004: Fast fünf Jahre später merken es nun auch die ersten kommerziellen Schreiberlinge, daß das mit der Rechtschreibdeform eine Scheiß-Idee war. Schlabonski ruft den Kollegen zu: Bravo, weiter so – besser spät als nie. Und nimmt sich ganz fest vor, nach all den Jahren mal wieder einen Spiegel zu kaufen. Als Belohnung.


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Erstellt am 19.08.1999
Letzte Änderung am 07.08.2004 03:03 (CEST)
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