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Kulinarische Ausflüchte

Heute: Essen in Deutschland oder Knaddern wie bei Vaddern

Daß in Deutschland einige Minderbemittelte von ihren Gennachbarn behaupten, deren Essen sei sauber oder doch zumindest wenn schon nicht genieß-, so doch eßbar und vielleicht manchmal versehentlich ziemlich äußerst delikat, fördert leider die fälschliche Verbreitung dieses Irrglaubens. Von traditionellen Speisen und gar köstlichen Gerichten ist es aber nicht mehr wirklich weit bis zum allseits verhaßten Schweinefraß. Einzig und allein der Preis bestimmt die Ausdrucksweise, zu der ein "Genießer" nach dem ersten (und bei letzten Resten von Überlebenswillen meist auch einzigen) Happen sich beflissen fühlt, sich klugscheißerisch quer über den gedeckten Tisch zu artikulieren. Denn wenn's denn schon arschteuer war, muß es ja auch gut gewesen sein. Sonst wär man ja doof, oder schlimmer noch: beschissen worden. Bravo, kann man dazu nur sagen.

Auch wenn vielleicht gut die Hälfte des Lobes geheuchelt sein mag und die nur scheinbar definierbare Masse es gerade noch so zu gestatten verspricht, den Würgereiz mühsam zurückzuhalten, so wird sich der Guhrmeh doch keinesfalls die Blöße geben, dem geschniegelten französisch lispelnden Fröschefresser in der Pinguinverkleidung gepflegt ins Gesicht zu husten, daß das Schtehk nicht nur roh war, sondern außerdem auch noch trotzdem zäh – nein! Da werden dann, wenn sich die Kritik gar nicht mehr schlucken lassen mag, Vokablen wie "interessant" oder "eigenwillig" bemüht, um das Erbrochene quasi durch die Blume zu überreichen. "Einähn Aimähr füühr Monsieur. Natürallmong."

Mancher ist den Ärger und die unnütze Geldausgabe irgendwann doch leid und will es lieber zuhause gemütlich haben. Da gibt's dann genau drei Alternativen: zum einen den gemeingefährlichen Bringdienst mit seiner stets gleichen, uninteressanten bis ekligen Auswahl an meist fremdländischer Geschmacksnervenverätzung; zum zweiten den brutalen Pappfraß aus dem Tiefkühlregal, dem ein eigener Artikel in dieser Serie vorbehalten bleiben soll – oder eben zum dritten die Alternative, Omas Kochbuch die Schuld an der mißratenen Pampe zu geben. Und so muß der Deutsche sich gelegentlich doch noch mal selber an den Herd stellen. Oh Graus.

Aus diesem obskuren Hobby entstanden seit den Jahren, als geklaute Zigaretten noch als Brotersatz verscherbelt wurden, sogenannte traditionelle Gerichte, bei denen man sich eigentlich im Ausland für schämen möchte. Entstanden aus der Not, als es außer Inhalt und vor allem Verpackungsmaterial der Kehr-Pakete und von Zügen gefallenen Braunkohlebriketts nix zu beißen gab, haben sie sich erschreckenderweise doch länger gehalten als die ähnlich gruseligen politischen Verhältnisse damals, werden sie doch wie jene von Generation zu Generation weitervererbt.

Tote Hausfrau nach Heringsart, Kartoffelkretin in Sahnesoße, Braunkohl mit püriertem Schweinehirn im eigenen Darm, Hühnerfickerßeh, eisige Gebeine in sauergewordenem Kraut oder auch der allseits gefürchtete Erbrocheneneintopf mit Schinkengriller und Abfüllkompost als Nachtisch füllen die Kochbücher bis zum Abwinken und gelten trotz der harten Konkurrenz aus dem Ausland immer noch als Vorzeigewerk deutscher Eßkultur – quasi Einheits-Essen nach DIN. Faßt man den Sinngehalt aber zusammen und läßt die mehr weniger schönen Floskeln in der Beschreibung weg, so besteht ein typisch deutsches Gericht eigentlich nur aus folgenden Zutaten: Fett, Öl, Salz, Zucker und jede Menge Dinge, die einem toten Tier entnommen wurden und dem betreffenden Schlachter einfach nicht zu schade waren, sie wegzuschmeißen. Schließlich haben Schwarten und Knorpel auch einen Brennwert – wenn auch nur mit viel Phantasie und eigentlich auch eher in der Tierkadaververwertungsanlage als im Magen des Verdauers.

Garniert werden die meist spärlichen, immer aber einfallslosen Kadaverstücke nebst Sättigungsbeilagen (ein Wort, das allein schon die deutsche Küche in ihrer Gänze zusammenfaßt) dann mit umso phantasiereicheren Bezeichnungen: Da gibt es Petersilienkartoffeln (die lagen mal neben ebensolcher), Mayonnaisensalat (denn Salate bezeichnet man gemäß ISO nach der Hauptzutat) oder auch "Wiener Schnitzel", "Frankfurter Würstchen" oder "Heidekraut" (oder verwechsel ich da was?), als könne man auf so geschmacklose Zubereitungen allgegenwärtiger Zutaten nur in genau jenen Gegenden gekommen sein. So wird erfolglos versucht, einen Lokalbezug vorzutäuschen, den es im Zeitalter europadurchquerender Tiefkühlsattelzüge nicht mehr gibt und wohl auch nicht mehr geben kann. Die Krönung ist dann das exotische "Hawaiischnitzel": Scheibchen Dosenananas, Papierschirmchen, schon ist das brave bis geschmacklose Stück Schwein wieder dreifuffzich teurer geworden.

Für die, die angesichts solcher Horrorszenarien eigentlich gar nicht so genau wissen mögen, was sie da zu sich nehmen, und die Tacken für eine kulinarische Investition nicht ganz bereit sind auszugeben, gibt es den Impiß ... 'tschuldigung ... Imbiß. Hmm... im Grunde trifft dies eigentlich für den Großteil der Bevölkerung zu.

An diesen Sammelplätzen für Salmonellen und Fans des Magendurchbruchs wird das wahre Gesicht des deutschen Geschmacks offenbar. Phosphatlöken oder Jägerschnitzel (so benamst weder, weil der Spenderorganismus Jäger war, noch, weil er gejagt wurde, sondern ausschließlich deshalb, weil ... äh ... weil der Normalsterbliche wie von den Furien gejagt davonliefe, wenn er wüßte, woraus Jägersoße wirklich besteht?) werden zusammen mit in wochenlang benutztem, siedendem Fett bis zur Unkenntlichkeit zerfritierten Kartoffelstangen auf den Pappteller geklatscht. Um die Erkennbarkeit der ehemals pelzigen Stellen zu erschweren, wird das Ganze in einer zentimeterdicken Schicht von Kätschapp- und Mayoschlatze ertränkt und gnädig überdeckt. Das i-Tüpfelchen ist dann noch der Alibisalat, bestehend aus entweder einer halben Gewürzgurke oder einem lappigen Salatblatt sowie einer angeknabberten, leicht fauligen Paprikascheibe nebenbei. Die irrtümlich oft als "Tomaten" bezeichneten holländischen Wassersäcke oder das traurige Häufchen geschnetzelten Möhrenbreis sind bereits optionale Zugaben, aber eigentlich kommt's ja auch aufs Fleisch an! Mit einem halbrülpsenden "Mahlzeit!" kann die selbstauferlegte Magenfolter beginnen.

Sicher sein kann man aber auf jeden Fall: Die Dummheit in der deutschen Küche hat noch lange nicht alle Register gezogen. Wer glaubt, es ließe sich nichts mehr steigern, wird immer wieder eines Besseren belehrt.

Bis auf weiteres und haut rein, damit's nicht länger liegen bleibt, Euer Dieter Schlab*huarkks*... Entschuldigung. Hat mal einer 'n Lappen?

Erstellt am 10.04.2000.

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