Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Stell Dir vor es is Expo, und keiner geht hin

Vancouver 1986. Brisbane 1988. Sevilla 1992. Taejon 1993. Lissabon 1998.

Hättest Du ohne die Überschrift gewußt, worum es geht? Ich mußte Orte und Daten jedenfalls erstmal im WWW nachschlagen, weil mir diese Flops nicht wirklich im Gedächtnis geblieben sind. Und so stellt sich denn die Frage: was bitte ritt die Stadtväter von Hangover, äh, Entschuldigung, Hannover, der Welthauptstadt der Messewegweiser, quietschgrünen Trams und schlechten Brauereien, zu glauben, Hannover 2000 werde sich nicht würdig in diese Reihe fügen? Also bitte.

Und was haben sie getrommelt! Allein von der schaseligen Werbung hätte man vermutlich einige Sattelschlepper voll Kondome an die Hannoveraner verteilen können. Und das hätte sich auch gelohnt, denn das Stadtbild hätte darunter wohl weniger gelitten als unter den perpetuellen Bauarbeiten der letzten fünf Jahre. Obwohl – bei dem Stadtbild isses dann ja auch egal, da können selbst die neumodisch rundgelutschten silbrigen Straßenbahnen, die immer irgendwie nach der Staffage von Alien aussehen, nicht mehr viel verschandeln.

Dann war jedenfalls neulich der große Tag der Eröffnung. Etwas nervös waren sie ja schon, als herauskam, daß es am Vortag noch Karten gab, obwohl schon ffn die VIP-Tickets wie Sauerbier unter die Hörer geschmissen hatte. Flugs wurde der Netzstecker aus dem Bestellrechner gezogen, um die Schuld wenigstens der EDV-Bude in die Schuhe schieben zu können und bei der Gelegenheit das Elend nicht so genau zu kennen – "wir wissen nicht, wieviele da waren", jaja, in so ein Provinznest hat sich die Erfindung der Strichliste wohl noch nicht rumgesprochen. Die Presse schluckte es und schwieg.

Doch vergebens! Ein paar Größenordnungen lassen sich nicht ewig verheimlichen. Bald schon werden schwarze Kleinbusse mit getönten Fenstern im Landkreis die Penner, Studenten und Asylbewerber, die pleitegegangenen Immobilienspekulanten, Hoteliers und Straßenbauunternehmer einsammeln und in Nacht- und Nebel-Aktionen auf die Expo karren, damit die Fotos in den Kameras der paar zahlenden Besucher nicht völlig menschenleer und somit kompromittierend werden. Aber täglich ein paar zehntausend Menschen – selbst nichtzahlende – heranzuzerren ist ein nicht unerhebliches logistisches Problem für Unternehmen, die nicht mal richtig zählen können; meine Prognose daher: Ziemlich leer wird's dennoch bleiben.

Das hat aber auch Vorteile.

Keine Schlangen, keine Wartezeiten, Massen dienstbeflissener Geister, die sich freuen, auch mal ein anderes Gesicht zu sehen als die der anderen dienstbeflissenen Geister. Keine Parkplatzsorgen, kein Schwitzen in überfüllten Trams und das Wissen, da etwas ganz Exclusives zu erleben, um das sich die meisten anderen einen feuchten Kehricht scheren – das könnte einem fast die neunundsechzig Tacken wert sein.

Fast.

Der Reiz hält sich aber dennoch in Grenzen. Nachzulesen im Heise-Newsticker vom 6.6.: "Weil man keine harten Zahlen hat oder diese nicht nennen will, verlegt man sich aufs Schätzen. Die Eröffnungstage sollen 360.000 Gäste besucht haben. Die Losung für die Folgetage lautet: "Wir schätzen, dass wir durchschnittlich 70.000 Besucher pro Tag hatten". Für vergangenen Sonntag lag die Zahl der Drehkreuzbewegungen an den Eingängen zum Expo-Gelände – nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung zumindest – bei 16.000, aber das kann ja daran gelegen haben, dass die Drehkreuze auch nicht richtig funktionierten, wie Expo-Sprecher Dr. Rainer Volk gestern auf der Pressekonferenz erläuterte. 70.000 Besucher durchschnittlich wären immerhin knapp halb so viel wie nötig, damit die Expo mit nur 400 Millionen DM Verlust abschließt."

Geradezu rührend sind inzwischen die Versuche, den Flop noch wegzureden und die Leute auf die Expo zu locken, allen voran die Radiosender, die vermutlich wie auch die Presse inzwischen gleichgeschaltet sind. Doch dann kommt das Expo-Verkehrsstudio und straft sie alle Lügen: "Alle Straßen rund ums Expo-Gelände sind frei, es gibt keine Behinderungen. Kommt doch bitte alle her, uns ist langweilig – wir wollen auch endlich mal was zu berichten haben!" Da rächen sich dann die Straßenbauten der letzten Jahre: alles völlig ohwerßaißt. Naja, gut, wollen wir mal fair bleiben: am 9.6. hatten sie dann endlich ihre Staus – aber nicht wegen eines plötzlichen Besucheransturms, sondern wegen technischer Probleme in der Verkehrsleitzentrale. Wie war das doch gleich mit den Ticketreservierungen? Als nächstes könnte man ja mal die Üstra sabotieren, das erzeugt vielleicht auch ein etwas expomäßigeres Hannovergefühl.

Na dann: Weiterhin viel Erfolg.

Der dräuende Flop (und es wird einer: entweder sie senken die Preise und machen Verluste, oder die Leute bleiben weg und sie machen Verluste) ist natürlich das Beste, was den Hannoveranern passieren kann: die vielen schönen Bauprojekte nimmt ihnen keiner mehr weg, die Verluste zahlt eh der Bund (und damit alle deutschen Steuerzahler, nicht nur die hannöverschen), und das Gespött der Leute ist man an der Leine ja mittlerweile gewohnt. Sturmfest und erdverwachsen, wie man in Lehrte, Isernhagen oder Bothfeld nun mal ist, kann einem das Gezeter der Ortsabsässigen ja auch wurscht sein. Zur nächsten CeBit sind sie eh alle wieder da und dürfen für die Hotelzimmer bluten.

Neununddreißig Prozent der Deutschen wollen auf die Expo, so sagte man einst. Inzwischen pendeln die Schätzungen irgendwo zwischen neununddreißigtausend und neununddreißig Stück, die da noch hinwollen. Und ist denn das so verwunderlich? Wer nimmt denn angesichts der Möglichkeiten des Internet noch die Strapazen eines Messebesuchs auf sich, von wundgelaufenen Füßen bis hin zu überteuerten und trotzdem labberigen Currywürsten? Der Luxus eines auch nur dem Fertiggericht aus der Tiefkühltruhe vergleichbaren Mahls kostet auf der Expo mehr, als ich in der Woche für Essen ausgebe. Und wenn ich mich aufs Notwendige beschiede? Naja – für die neun Mark, die so ein Phosphatlöken da angeblich kostet, kann man den Tag auch surfend verbringen, mit den Füßen in einer Wanne duftenden lauwarmen Wassers und dem Weizenglas in Griffweite.

Und genau das gedenke ich stattdessen auch zu tun. Und zwar jetzt. Vielleicht treffen wir uns ja irgendwo da draußen. Oder in Schlabonskis Welt.

Erstellt am 11.06.2000.

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