Eingesendet von einem leidgeprüften Kinozuschauer, der die wahren Schrecken einer ranzigen Snieck Priewiu schätzen gelernt hat...
Gesehen am 13.02.2002 im Residenz Kinocenter Bückeburg (Sneak Preview)
22.40 Uhr
Es ist Aschermittwoch. Das Desaster der sogenannten fünften Jahreszeit
hat ein Ende. Ich sitze in der Sneak-Preview meines örtlichen Kinos und
freue ich mich auf "Der Pakt der Wölfe".
22.55 Uhr
Die Load-Eiswerbung läuft. Die Stimmung ist gelöst.
23.04 Uhr
Auf der Leinwand erscheinen die Alpen, leere Coladosen, Heidi und ein
Trottel. Ich freue mich nicht mehr. Der Stimmungspegel sinkt rapide.
"Das ist nur eine weitere Vorschau", sage ich mir. Gleich beginnt
bestimmt der Hauptfilm. Der Trottel schwimmt im Fluss davon. Gott sei
Dank, das war's.
23.08 Uhr
Es ist keine Vorschau, und der Trottel (Rick Kavanian) ist nicht
ertrunken. Stattdessen trägt er jetzt Rastalocken, sieht aus wie Momo
aus der Lindenstraße, wohnt mit einem Schwabbel (Axel Stein) in einem
Berg leerer Bierdosen und raucht aus einer Wasserpfeife. Der Schwabbel
kennt sich mit Computerspielen genauso aus wie mit dem Unterschied
zwischen Bob Marley und Jimi Hendrix, nämlich gar nicht. Ist er zufällig
auch der Drehbuchautor?
23.16 Uhr
Momo und der Schwabbel sind Zivildienstleistende und haben
offensichtlich aus Gewissensgründen nicht an der Evolution teilgenommen.
Wir erfahren Wissenswertes über das Paarungsverhalten dieser Spezies:
"Wenn du breit bist, kriegst Du keine Frau. Kriegst Du aber keine Frau,
bist Du breit." Wenn der Zivi zweimal klingelt. Ich sehne mich nach
meiner alten Fips-Asmussen-Cassette.
23.21 Uhr
Von Hans-Martin Stier als Mönch erfahren wir, weshalb es voll cool ist,
nach dem Rülpsen erst sich selbst und dann anderen Menschen vor die
Stirn zu hauen und dazu "Schuuulz" zu rufen. Es war also richtig, aus
der Kirche auszutreten.
23.32 Uhr
Wir lernen: Ischgl ist als Ski-Urlaubsort der Ballermann 6 der Alpen. Da
gibt's Partys, Gruppen-Saufen und rudelweise ebenso viel Willigkeit wie
Billigkeit signalisierende Frauen, deren Blick sagt: "Klar bin ich sexy,
aber wie schreibt man das?" Lüsterne Österreicher fallen über kotzende
Schweizer Mädchen her. Da lacht das vereinte Europa! Und wir lernen:
Bist Du bei der Bergwacht, dann hast Du "Torten und Babes und jede Menge
Weiber". Das Gruselkonzentrat Andreas Elsholz erscheint auf der
Leinwand. Ich wünsche mir eine abendfüllende Folge von "Gute Zeiten
schlechte Zeiten".
23.41 Uhr
Herbert Fux tobt als Alm-Öhi durch die Gletscherspalten. Warum hat den
eigentlich keiner schon nach "Hexen bis aufs Blut gequält" und "The
Erotic Adventures of Hansel and Gretel" aus dem Verkehr gezogen?
23.45 Uhr
Christoph M. Ohrt möchte als größenwahnsinniger Milliardär die Alpen
sprengen oder so etwas ähnliches. Schön, wenn man sich nach Filmen wie
"Ballermann 6" immer noch beruflich verbessern kann. Ich würde jetzt
lieber das ARD-Testbild sehen.
23.52 Uhr
Wir wussten schon immer: über Sprachfehler kann man besonders
niveauvolle Witze machen. Deshalb lachen ja auch über den Geißenpeter
(Jonas Gruber) so viele. Vor allem, weil diese Kalauergurke alle zehn
Minuten aufs Neue durchgeschleift wird. Die anderen Gags bestehen in der
Regel daraus, dass der Schwabbel auf sein Gesicht plumpst oder anderen
Leuten vor die Stirn haut. Schuuulz! Haha, wie witzig.
00.09 Uhr
Es geht um Bergwachten, Bomben und Käse-Fondue. Was ist das? Eine
Handlung oder wortgewordenes Gehirnvakuum eines Menschen, der auch seine
Frühstückshaferflocken üblicherweise mit Messer und Gabel isst? Ich
sehne mich nach der tiefgründigen, komplexen und philosophisch
vielschichtigen Handlung von "Ey Mann wo ist mein Auto?"
00.12 Uhr
Die zwei Knalldeppen streiten sich wegen einer Lawine. Momo zu Josch:
"Du bist ein Versager." Dialoge von der geballten lyrischen Kraft einer
unbenutzten Ringbucheinlage.
00.25 Uhr
Ich schrecke aus dem Halbschlaf hoch, weil es irgend einen Showdown
gibt, der entfernt an "Der Spion der mich liebte" erinnert. Könnte
vielleicht einmal jemand Regisseur Mathias Dinter den Begriff Parodie
erklären?
00.32 Uhr
Die cineastische Humor-Apokalypse ist überstanden. Das also ist neue
deutsche Komödienkunst: Pappige Nullhandlung, als Drehbuch geistige
Flatulenzen aus den erodierten Kleinhirnresten eines Mantafahrers,
dämliche Schauspieler, abgestandene Gags auf dem Niveau einer
Tony-Marshall-Show, über die man schon während der Reformation nicht
mehr gelacht hat, so spannend wie eine Runde Flaschendrehen mit dem
Melittamann, so überflüssig wie ein überfahrener Hering im
Frühstücksyoghurt und so wertlos wie ein kleiner Fruchtzwerg. Was kommt
als nächstes? "TV Total - der Film"?
00.36 Uhr
Aschermittwoch ist vorbei. Ich werde mir ein Snowboard kaufen und meinen
nächsten Urlaub in Ischgl buchen. Und einen Film darüber drehen. Dann
bekomme ich nämlich auch 1,7 Millionen Mark Förderung von der
Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und der FFA Filmförderungsanstalt.
Schuuulz!
J. P.
Erstellt am 28.08.2002.
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