Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Vom Lemming zum Murmeltier

Am Anfang war ein Werbefilm einer Obsthandelsgesellschaft aus Cupertino, der die Parallele zog zwischen den Benutzern der Rechner einer großen blauen Firma und jenen possierlichen Gesellen, die sich angeblich gern massenhaft ins Meer stürzen. Seitdem ist manch Nager jämmerlich versoffen, und auch die große blaue Firma trudelt kläglich vor sich hin, weil sie zu spät gemerkt hat, daß jeder die Kisten zusammenkloppen kann, daß aber, wer die weiche Ware kontrolliert, die Welt besitzt. In Cupertino gibt's unterdessen immer noch Obst, inzwischen auch schön buntes, aber die Welt nimmt's kaum zur Kenntnis - sie dreht sich um ein englisches Wort mit sieben Buchstaben.

Windows.

Von allen Fehlentscheidungen des Herrschers über den Kot, der auf den Rechnern läuft, war diese wohl eine der verwirrendsten: das Ding nach der Gebäudeöffnung zu nennen, aus der sich seither zahllose seiner Benutzer stürzen möchten. Was ist da an guten und weniger guten Witzen drüber gerissen worden. "My computer is air conditioned - no need to open windows." Dabei ist's doch bloß 'ne Abkürzung, eine rekursive zudem:

Will ich nicht doch ohne Windows sein? *

Und immer mehr Menschen sagen vertrauensvoll: Ja, ich will. Dabei müssen sie das doch gar nicht. Im Gegentum zu den Produkten des Machthabers, die schon mal gern anderer Anbieter weiche Ware versehentlich von der Platte fegen oder zumindest ganz von selbst zu ihr inkompatibel werden, haben die Autoren weniger ambitionierter Programme andere Mittel, um den Kunden an sich zu binden, Mittel mit solch schönen Namen wie Kompati-, Interopera- und Flexibilität. Will heißen: sie laufen ungeachtet derer Mätzchen auch mit, neben, über, unter und zwischen Windows, Office und dem Internet Exploder. Trotz allem, oder vielleicht auch gerade deswegen.

Und sie beschränken sich auch nicht auf die Massensysteme und -anwendungen, nein, sie funktionieren auch in den Nischen, die zwar relativ immer enger werden, aber immer noch Luft zum Atmen bieten. Für den Motorroller-680x0-Prozessor z.B. gibt's kein kommerzielles Mainstream-Betriebssystem mehr (ohne Amigos und Atarianern nahetreten zu wollen, aber Mainstream sind die nicht mehr, Jungs), aber es gibt diverse freie Vertreter, die wie selbstverständlich immer noch dafür weiterentwickelt werden. Und schlechter als die kommerziellen sind die auch nicht, eher im Gegenteil.

Freie Software ist ein bißchen wie freie Liebe. Man könnte sich nicht beschweren über das, was man kriegt, aber meistens kann man auch gar nicht meckern, denn besser als der bezahlte Schrott aus Redmond oder vom nächsten Straßenrand ist es dann doch, und man muß sich auch nicht ewig binden mit Lizenz- oder Eheverträgen. Sowas kann ziemlich entspannend sein.

Prompt springen auch weniger freiheitsgläubige Konkurrenten des einst winzigen und weichen, inzwischen aber eher großen und matschigen Konzerns des Willi Gates auf den Zug auf und veröffentlichen den Quelltext ihrer Äpplikäischens, um dann sagen zu können: Seht her, wir haben keine Geheimnisse mehr, ist doch alles offene Soße. Das Kleingedruckste in ihren Lizenzverträgen liest man dann ja auch nicht mehr, oder erst dann, wenn's zu spät ist.

Besser als das eifersüchtige Hüten von Source, den man vermutlich schon aus Scham über seine Spaghettiprogrammierung niemandem zeigen wollen würde, ist das, klar. Aber trotzdem springen mir unwillkürlich Worte wie "Trittbrettfahrer" in die Tastatur.

Vielleicht wird ja wirklich alles besser. Aber immerhin, selbst wenn nicht: wenn ich mich so umseh in Presse, Funk und Fernsehen, dann fühle ich mich geneigt, aus dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" (Groundhog Day) zu zitieren:

"Irgendwas ist anders." - "Gut oder schlecht?" - "Alles, was anders ist, ist gut. Und das hier könnte wirklich gut sein."

In diesem Sinne:
  Euer Dieter Schlabonski.

*) Alternativ für unsere des Englischen mächtigen Leser auch "Work is never done on Windows Systems".

Erstellt am 20.08.1999. Letzte Änderung am 14.09.1999.

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