Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Was sind schon 50 Jahre?

Es gibt Momente, da weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Dieser Tage ist mal wieder so einer. Die deutsche Industrie macht ein Angebot zur Entschädigung der Zwangsarbeiter, an denen sie sich während der Nazizeit dumm und dusselig verdient hat.

Vierundfünfzig Jahre später.

Welcher Berufsspastiker hat das in den 40er und 50er Jahren vergessen? Haben die Anwälte die Thematik versehentlich unter ihren Akten verbuddelt, oder wurde sie eher unter freundlichen Geldgeschenken vergraben? Jedes dieser 54 Jahre bedeutete schließlich für die Konzerne bares Geld: in jedem dieser Jahre starb nämlich ein Teil der Geschädigten und somit – vielleicht irgendwann mal – zu Entschädigenden.

Heute leben nur noch einige wenige Opfer. Und vermutlich sind von den einigen wenigen noch lebenden Tätern keine mehr in den Werken beschäftigt, die jetzt doch noch die Zeche zahlen sollen. Trotzdem sollen diverse Milliarden fließen, die einen fordern 36, die anderen bieten sechs – aber bizarr bleibt das Ganze, egal wieviele es am Ende sein werden. Und es werden wohl ziemlich viele sein: zu groß die Angst von Volkswagen und Mercedes, im Land der schon für Lappalien millionenschweren Schmerzensgelder hunderte von Einzelprozessen gegen Opfer führen zu müssen.

Als Konzern käme ich mir dennoch ziemlich verarscht vor.

Ohne die Zwangsarbeit bagatellisieren zu wollen – stell Dir mal vor, Du bekommst eine Schmerzensgeldklage, weil Dein Opa 1941 mal mit seinem Hanomag jemandem über den Fuß gefahren ist... Die Taten sind nicht vergleichbar, schon gut, aber die Rechtsverdreh... tschuldigung, -treter der Opfer müssen sich diese Frage schon gefallen lassen: Damit kommen Sie erst jetzt? Und dann heulen die Anwälte gequält auf und sagen, in den Verhandlungen sei keine Anerkennung der moralischen Schuld zu spüren gewesen. Ja woher denn? VW gab's damals noch gar nicht, die KdF-Werke standen direkt unter Nazi-Schirmherrschaft, und auch die anderen Konzerne haben sich in 54 Jahren kräftig geändert. Dort empfindet man keine Schuld. Warum auch? Man ist nicht die Firma von damals und will nur das dräuende Problem endlich vom Tisch haben. Das ist verständlich.

Und die Opfer? Hätten die nicht vielleicht auch lieber in jungen Jahren ein paar tausend Mark oder vielleicht einen neuen Käfer gehabt als jetzt ein Vielfaches davon – zum Vererben? Wenn ich die Wahl hätte zwischen 5.000 Mark jetzt oder 100.000, wenn ich 70 bin, ich wüßte, was ich nähme.

Nein, ich bin schon für die Entschädigung. Ich frage mich nur, ob so etwas wie Entschädigung überhaupt möglich ist, und selbst wenn, ob der Versuch so spät nicht eher peinlich ist. Nicht so peinlich wie gar keiner, schon klar – aber trotzdem ziemlich peinlich. 1959 wäre mir reichlich spät vorgekommen. 1979 schon bizarr spät. Aber 1999? Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Also, was machen wir jetzt: lachen oder weinen? Ich weiß es immer noch nicht und schüttle einstweilen den Kopf. Schlabonskis Welt ist, verglichen mit der echten, wirklich unglaublich rational.

Erstellt am 08.10.1999.

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