Gas, Wasser, Scheiße

Eine Stadtwerke in einer Ortschaft ist doch was tolles. Sie versorgt uns mit allem, was einen im Überfluß locker umbringen könnte: Strom, Gas, Wasser und Verkehr jeder Art. Mit vorletzterem sehr gut vertraut läßt sich die Stadtwerke immer gerne auf kleine Spielchen ein, um die fröhlich zahlenden Einwohner gekonnt zu nerven.

So geschieht es schon mal, daß eines schönen Tages ein schöner Bagger ein schönes Loch in den ehemals schönen Vorgarten buddelt, da mal wieder diverse Leitungen neu verlegt und angeschlossen werden müssen. Ungeachtet der Tatsache, daß diese die nächsten zehn Jahre ungenutzt im Boden das Privileg des Verrottens in Anspruch zu nehmen gedenken, darf der Eigentümer seinen Vorgarten selbstverständlich mit einem kleinen Kostenaufwandsbetrag an die beliebte Stadtwerke auch selbständig wieder in Ordnung bringen.

Daß das Aufgraben nebst Verlegen und wieder zu machen (nebst wieder aufmachen weil da doch noch was falsch war) statt 3 Tagen etwas über vier Wochen dauert, soll den Anwohner gefälligst nicht tangieren. Darf er doch das wohltuende, massierend vibrierende Brummen der Baggerfahrzeuge schon ab 7:00 Uhr genießen. Nicht zu vergessen dabei das Sturmklingeln der Bauleute, die unbedingt mal telefonieren müssen, um gleichzeitig den frisch gebaggerten Lehmboden nebst feuchter Muttererde vom Vergiß-mein-bitte-nich-Beet neben den einst liebevoll gepflanzten Heckenstäuchern mit jedem Schritt in dem Teppich zu massieren. So werden also Tanzschritte aufs Parkett gemalt. Interessant.

Ist das wichtige Gespräch mit der Ehefrau nach 30 Minuten endlich beendet, darf man sich auch schon waschen gehen. Aber halt: Wollten die Arbeiter draußen nicht die Gasleitung sperren? Wann war das? 8:00? Na dann noch schnell die letzten dreißich Minuten nutzen. Schön wär's! In weiser Voraussicht, "daß ab 7:00 die Leute gefälligst zur Arbeit zu gehen haben, sonst sind sie selber schuld", wurde die Gasleitung Punkt 7:35 zugemacht. Es war wohl der Moment, als die Kopfhaut nebst Bewuchs gerade schön eingeschäumt auf die warme Abspülung hoffte. Die heraufdämmernde, unangenehme Grippe nebst Fieber in ein paar Tagen soll nun nicht von irgendwoher kommen.

Was nun tun: Der Kopf nimmt allmählich die Temperatur des Wassers an, welches man sich ungern über den Nacken laufen lassen möchte. Wo also das rettende warme Wasser hernehmen. Wie gut, daß ein ordentlicher Haushalt einen Wasserkocher hat.

Gerade dabei, diesen unter dem Wasserhahn aufzufüllen, klingelt auch schon das neugepflanzte Telefon: "Ja Hallo? Stromversorgung hier. Wir haben bei ihnen ein technisches Problem entdeckt. Wir werden daher gleich bei ihnen den Strom abstellen. Brauchen Sie noch irgendwas? Dann könnten wir noch ein wenig warten..." Ein Protest, der diesen Satz unterbrechen sollte, erstab in dem Moment, als die Leitung tot war.

Genaugenommen war war die T/A-Box der Telekom tot. Noch genauer gesagt, war die Steckdose, die die T/A-Box mit Strom versorgte, tot. Wie auch, welch Zufall, der gesamte Rest des Haushalts keinen Strom mehr hatte. Hervorragend.

Noch dabei, den Schreck zu verdauen, den der Anruf auslöste, hämmert es gerade unüberhörbar und nahe der Schadensersatzklage an die Tür. Es ist einer der Gasleute, der mit einem "Nun machn'se schon auf, wenn ich klingle!!" darauf hinweist, daß er den Gasbrenner einstellen muß. Wild gestikulierend geht er schnurstracks zu seinem zukünftigen Vergewaltigungsobjekt, das leise, aber hörbar wimmernd an der Wand hängt. Nachdem der freundliche Gasmensch zum Anschiß ausholt, warum der Gashahn beim Brenner immer noch offen ist, obwohl er eigentlich hätte zu sein sollen, riecht es beim Betätigen des Ventils in jede nur mögliche Richtung gefährlich nach dem Inhalt dieser dünnen Rohre.

"Haben'se hier mal dran rumgespielt??!" Zur Verneinung kommt man nicht. Den da taucht der Kollege auf. Am Stiefel haften mal wieder eine Menge Innereien des Vorgartens. "Hier geht ja gar nichts mehr!" Auch der Einwand, daß der Strom abgestellt ist und der Brenner sich daher nicht einschalten kann, kommt nicht aus der Kehle des debilen Gebeutelten. Erst auf die höfliche Frage: "Kann ich mal telefonieren???!" kommt ein halb vertrocknetes "Nein" hervor, das mit einer nicht enden wollenden Protesttirade zweier nicht mehr ganz so freundlicher Gasleute quittiert wird.

Die Information, daß der Strom abgeschaltet ist, läßt sich erst vermitteln, nachdem ein dritter Gasarbeiter hereingekommen ist, um festzustellen, daß im Hausflur wohl die Lampe kaputt sei. "Das hätten Sie uns auch gleich sagen können! Das hätte dann nicht so lang gedauert. Lassen Sie uns jetzt endlich telefonieren!!"

Resigniert lassen sich die freundlichen Herren von der Stadtwerke überzeugen, daß das Telefon nur mit Strom funktioniert. Nachdem sie es endlich, trotz hohler Beleidigungen über den Haushalt OHNE STROMLOSES Ersatztelefon, begriffen haben, geht der Strom nach gut anderthalb Stunden wieder an.

Dummerweise passiert das zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, denn das eingeschaltete Licht entzündet das entwichene Gas in der kleinen Abstellkammer äußerst rasant. Die vom Ortsteil unübersehbare Verpuffung rief sofort die Feuerwehr mitsamt aller beider Rettungswagen der Stadt auf den Plan, die die unschönen Überreste der Beteiligten nebst abgerissener Gliedmaßen bei Ankunft einzusammeln und wiederzubeleben hätten.

Dank deutscher Gründlichkeit auch in der Medizin läßt die Nähnadel nicht lange auf sich warten. Genausowenig wie das ausbrechende Feuer, das sich bedauerlicherweise nicht löschen läßt, da die Wasserwerke ihr Produkt dazu benutzen, die endlich fällige Freispülung ihrer Leitung durchführen zu können. So beschränkten sich die Rettungsmannschaften mit dem Zusammensammeln der organischen Teile, die bei der Detonation den Flug aus dem Fenster oder dem netten Loch in der Gebäudewand geschafft hatten. So gelingt es dem Einwohner - welch ein Glück -, seinen Torso bis zum Annähen der Gliedmaßen, von denen allerdings einige unverkennbar den Gasleuten gehörten, am Leben zu erhalten.

Nach 8 Wochen fällt "Frank N. Stein" denn auch endlich aus dem Koma, um sich mit dem Blick an die Decke gleich die auf DIN A2 vergrößerte Rechnung der Stadt gewahr zu sein, die sie dort freundlicherweise mit Unterstützung des Krankenhauses angepinnt hat.

Mit 850 Mio. DM sei er dabei. Als Schadenersatz für einen kompletten Stadtteil, auf den das Feuer übergegriffen hatte, Strafe wegen unsachgemäßer Benutzung der Gasleitung, fehlender Grundversorgung, wie ein Telefon für die Bediensteten der Stadt bereitzustellen und nicht zuletzt die Kosten für Bratwürste, Grillfleisch und GoGo-Girls, die das THW für die 800 Feuerwehrleute beschaffen mußte, damit sie während des Wartens auf Frischwasser feldtechnisch versorgt werden konnten.

Daß ein paar alte Omas im benachbarten Altersheim bei der Explosion einen Herzinfarkt bekamen, soll mal nun nicht weiter stören. Schließlich habe er da ja etwas für die Kostensenkung im Gemeindehaushaltes getan. Und so wartet die Stadt gespannt auf das Auftreten des Schuldigen, der viele Menschen auf dem Gewissen hat, nur weil er ein paar Gasleuten die Tür öffnete. Und was lernen wir daraus?

Nix, denn schließlich ist dies Schlabonskis Welt.

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