Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Gib Stoff Mann, is rot!

Eigentlich war uns das gar nicht so recht bewußt, daß es heute noch im zivilisierten Mitteleuropa Bahngesellschaften gibt, die ohne Indusi rumfahren. Und dann auch noch mit 200 Kilometern respektive 125 Meilen pro Stunde.

Indusi bedeutet "Induktive Zugsicherung" und ist ein System, das es theoretisch keinem Zug erlaubt, in einen Gleisabschnitt einzufahren, in dem schon einer ist. Das darf natürlich auch bei British Rail nicht passieren, dafür gibt's das Blocksystem, schon seit hundert Jahren oder so, versinnbildlicht durch rote Signale – aber anderswo kann es das dank Indusi auch nicht: das schlaue Signal merkt, daß es rot ist, und teilt der vorbeifahrenden Lok mit, sie möge doch mal bitte zügig stehenbleiben, wenn's der doofe Lokführer schon nicht merkt. Wie gesagt: theoretisch.

Praktisch hat natürlich auch die Bundesbahn (oder war's da schon die Bahn AG?) schon mal Züge frontal kollidieren lassen. Aber da war – zumindest beim letzten Mal – der Fall etwas komplizierter: Am fraglichen Streckenabschnitt war eine Baustelle gewesen, von der einer der angrenzenden Fahrdienstleiter fälschlicherweise dachte, sie wär noch da, und der andere aber richtigerweise, sie wär schon weg. Also hat der eine seinen Zug aufs linke Gleis geschickt im Glauben, der andere werde auf diesen warten, und der andere seinen aufs rechte (also dasselbe) in der Annahme, der eine werde den seinen auch aufs rechte (also das andere) schicken. So macht man ein paar hundert Tonnen Eisenschrott, ein paar Fahrgäste tot und sich selber unglücklich. Das kann schon mal passieren. Außerdem waren's da bloß 5 Tote oder so, und gebrannt hat's auch nicht, war also kaum die Nachricht wert.

Das Londoner Mißgeschick ist da schon um ein paar Größenordnungen heftiger, nicht nur in den Auswirkungen, sondern vor allem in punkto Profit-vor-Sicherheit: weit und breit keine Baustelle oder sonstige potentielle Gefahr, Unfallursache ein schlicht und ergreifend übersehenes Signal. Wer daraus schließt, Bahnfahren in England sei technisch so unsicher wie Busfahren hier, der liegt vermutlich gar nicht so sehr falsch. Parallelen zu Tokaimura drängen sich auf: etwas, das passieren kann, obwohl es nicht passieren darf, passiert, obwohl es nicht hätte passieren dürfen, und alle kucken belämmert in die Kamera und erklären, daß das doch gar nicht hätte passieren können.

Und wieder einmal diskutieren sie nun, ob nun endlich Indusi oder was Vergleichbares eingeführt werden und – vor allem – wer das bezahlen soll. Denn die britische Eisenbahn ist seit Jahrzehnten schon privatisiert (wie man auf der Insel ohnehin wegen akuten Geldmangels schon länger die Kronjuwelen, selbstverständlich nur im übertragenen Sinne, zu verscherbeln beliebte). Und genau da liegt der Hase im Pfeffer und schimmelt.

Denn Sicherheit kostet nun mal Geld. Geld, das ein monopolhaltender Staatsbetrieb aufbringen und sich dann von der zähneknirschenden Kundschaft zurückholen kann – ein konkurrenzbedrängtes Privatunternehmen aber nicht. Zumindest wird es dies behaupten in der Hoffnung, der Staat werde schon in die Bresche springen. Man kann solche Investitionen natürlich auch einfach vorschreiben. Wie gut das funktioniert, sehen wir täglich an den vielen LKWs, die wegen haarsträubender sicherheitstechnischer Mängel aus dem Verkehr gefischt werden.

Fluggesellschaften sind auch so ein Beispiel. Sie müssen sparen, denn der Kunde kuckt als erstes auf den Preis. Also gibt's schlechteres Essen und weniger Beinfreiheit. Das ist okay. Es gibt weniger Direktflüge, der Kunde muß öfter umsteigen. Das ist okay. Die Flugzeuge sehen innen schäbiger aus, weil sie seltener neue Polster kriegen. Auch das ist okay. Aber man muß weiter sparen. Also kauft man weniger neue Flugzeuge und fliegt die alten länger. Das kann okay sein, zumindest für 'ne Weile. Aber will mir wirklich wer erzählen, daß, wer an all diesen sichtbaren Dingen spart, dies ausgerechnet bei Wartung und Reparatur nicht tut?

Nun also British Rail. Was Wunder – schließlich kann man auch der Bahn AG, trotz ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte als Wirtschaftsunternehmen, bereits ein von den Ausmaßen her vergleichbares Desaster wegen Wartungsmängeln ankreiden. Also, packt Eure Zeigefinger hübsch wieder weg, es sind gar nicht die bösen Ausländer mit ihrem laisser-faire, es ist ein grundsätzliches Problem. Leider eins ohne erkennbare Lösung.

Gehen wir also fortan zu Fuß. Es ist ja nicht weit – Schlabonskis Welt ist überall.

Der Absatz über Fluggesellschaften stammt in weiten Teilen – frei übersetzt – aus Michael Crichtons hervorragendem Roman "Airframe".

Erstellt am 11.10.1999.

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