Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Spiel, Spaß und Schlangestehen

Wer kennt sie nicht, diese drei schmerzhaft verzerrten Töne einer übersteuerten Elektronikorgel aus dem vorvorletzten Jahrzehnt (also aus einer Zeit, als man die Dinger offensichtlich noch verstimmen konnte), welche von einem Frauenchor, die vermutlich bei unverbindlicher Nachfrage behaupten würden, sie wären zum Singen gezwungen worden, mit einem magendurchbrechenden "*HEIDEPARKSOLTAU!!*" begleitet wird. Der Schreck, der einem bei dieser Radiowerbung in die Glieder fährt, weil das Geräusch meist eher suggerieren soll, daß mal wieder von Staus auf der Autobahn zu berichten sei, ist aber noch gar nichts gegen die grausame Erkenntnis: es handelt sich um das gefürchtete "HEIDEPARKSOLTAU" *DIIIIDÜÜDIIIIIIID* selbst! Denn nichts kann qualvoller sein als das Original.

Wenn man dann nämlich irgendwann den Stau, die selbstgemachten Brötchen und die plärrenden Balgen hinter sich gelassen hat und tatsächlich ein übergewichtiges Plastikmonster mit Obelixhose und dem Kopf eines Bärenmutanten in der Ferne erspäht, kann man sich auch schon glücklich schätzen, zusammen mit 10.000 anderen Fahrzeugen durch- ... äh ... angekommen zu sein. Kaum fährt man sich den Tank fast leer, wird einem erklärt, daß Parken schon mal 4,- DM kostet, die man denn mangels anderer Optionen übelriechend und -gelaunt abdrückt.

Schön. Endlich da. Die Kinder dürfen noch schnell ein paar Brötchen und ein bißchen Plastik-O-Saft inhalieren und schon geht es auch bärenmäßig los... Nein halt. Erst noch zur Kasse. Diese erreicht man nach einem viertelstündigen Spaziergang entlang eines Stachdrahtzauns, dessen Materialien aus einer vor kurzem dichtgemachten Pionierkaserne bezogen worden zu sein scheinen. Aber warum sind die "Stacheln" nach innen geneigt? Achso, damit keiner mehr entfliehen kann... logisch.

Kaum steht man an der Kasse, kommt der nächste Schock: Der Eintritt kostet für ALLE 38 Tacken PRO PERSON! Kinder, Opas und sabberende Simulanten sind selbstverständlich NICHT ermäßigt... es sei denn, sie sind jünger als vier Jahre (womit sie dann eh in keine Attraktion reingelassen werden – HAR! HAR! – aber das erfährt man sowieso erst drinnen).

Nun, die elf- bis achtjährigen Rotznasen vom Rücksitz, die die Fahrt über mit dem wohlbekannten "Wann-sind-wir-denn-bald-da-wie-lange-ist-es-denn-noch"-Geplärre die Stimmung zu heben versuchten, kommen auch mit der Theorie des bescheunigtem Zellenwachstums nicht durch, selbst nachdem sie sich zu demonstrativen Zwecken in ihre eigenen Hosen gesch... aber lassen wir das.

Kaum ward man von Drehtüren und den freundlichen Säquiritie-Wichteln eingelassen, zieht die Kinderschar in das Zentrum des Geschehens. Keine Attraktion, vom Mauntän-Räffting bis Wildwasserbach, von Bob- bis Achterbahn, bei denen man nicht kollektiv mindestens eine Stunde anstehen darf. Die Attraktion selbst dauert dann allenfalls wenige Minuten – die anderen sollen ja schließlich auch noch rankommen.

Die Lust ist bereits beim Betreten der Eingangstür abgegeben worden, aber die gute Miene zum bösen Spiel wird wie versteinert gewahrt. "Nein, es gibt noch keine Pommes. Wir haben noch Brötchen!" oder "Nur weil die Cola da für 5 Mack gekühlt wird, muß ich sie Dir nicht auch noch kaufen, wir haben ja schließlich noch den Saft aus dem Alu-Beutel!" mögen die Laune begreiflicherweise auch nicht weiter heben. Dabei ist's reiner Selbstschutz, die Aufnahme heideparkbereiteter Nahrungsmittel zu verweigern. Denn deren Produzenten – wissend, daß der Esser die Magenverstimmung oder den Würgereiz ohnehin der Wildwasserbahn in den Kiel schieben wird – geben doch für so überflüssige Dinge wie einen Fritierfettwechsel kein Geld aus, das wär ja auch schlecht für den Reingewinn.

Den Blagen diese Einsicht zu vermitteln, fällt allerdings schwer. Doch wenn man sich dann doch erbarmt, den Kiddies wenigstens mal die Riesenkugeln Eis zu spendieren, damit sie vielleicht ausnahmsweise für drei Minuten die Schnauze halten, fährt der nächste Schreck in die schon gebeutelten Glieder: zwei Kugeln kosten FÜNF MARK! Ach, alles halb so schlimm, gibt's halt nur eine Kugel. Aber da kommt auch schon der Einwand der Verkäuferin: "Wir dürfen nur zwei Kugeln verkaufen. Eine Kugel ist verboten." "WAAAAAS?!!" klingelt es in den Tiefen des sich langsam selbst zersetzenden Kleinhirns. Den Glauben an Logik, Anstand und Schwerkraft verloren, drückt man die zwei Schwermetallscheiben ab und erhält zwei schöne, riesige, lecker aussehende... und fast flüssige, entsprechend großzügig also auch aufs Hemd siffende Eiskugeln. Danke. Aber sowas von.

Den Kiddies ist die Kraft der Eisschmelze noch nicht so ganz bekannt, und so vertengelt man die Zeit mit provisorischer Reinigung der Kleider. Nachdem die Schokoflecken nur noch Faustgröße haben, geht es auch schon zum Karu... oh schon zu? Ach ja. Um sechs ist hier Feierabend. Ab nach Hause – zusammen mit den anderen 10.000 Irregewordenen. Zwei leckere Brezeln für nur elf Mark kauft man doch noch gern... und schon geht es wieder zurück in den Stau. Heißa.

Über zweihundert Mark hat der Spaß gekostet. Ohne Sprit. Hat sich auch wahnsinnig gelohnt. Lediglich die Füße und der Rücken zeugen von der eigentlichen Anstrengung des Tages: Warten, Laufen und Kucken. Vermutlich wäre das auf dem Rummel mit Essen günstiger gewesen. Aber wo kann man sich sonst hinter Stacheldraht so herzhaft amüsieren wie im "HEIDEPARKSOLTAU" *DIIIIDÜÜDIIIIIIID*?

Fragt sich jedenfalls Euer Dieter Schlabonski.

Erstellt am 15.08.2000.

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