Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Hotel

Eins der letzten wirklich furchterregenden Erlebisse, die unsere sogenannte zivilisierte Welt dem abenteuerlustigen Individuum noch zu bieten vermag, ist zweifellos die Hotelübernachtung. Im Gegensatz zu den heimischen vier Wänden, wo man die lauernden Gefahren unproblematisch zu umgehen vermag, oder dem Campen in der rauhen Wildnis des autobahnnahen Übernachtungslagers, wo nur so vergleichsweise nebensächliche Fragen wie "Ist das ein Löffel oder eine Gabel, und bedeutet das, daß ich abwaschen sollte?" das Gemüt des Reisenden bewegen, lauert im Hotel doch auf Schritt und Tritt das Unbekannte. Wagen wir einen Erkundungsgang in die Höhle des garni endenwollenden Schreckens.

Nach dem Parkieren des während der Anreise okkupierten Kraftfahrzeugs in der weiteren Umgebung des Bettenbunkers (je nach Gegend ein bis drei Straßen oder auch Ortsteile weiter) oder der alternativen Anreise mittels öffentlichen Verkehrsmitteln nebst raubritterlichen Droschkentretern irrt der Weitgereiste bangen Blicks dem Eingang des Etablissements zu. Geblendet von geschickt angebrachten Flakscheinwerfern und die Drehtür nur knapp und unter Verlust einiger Gepäckstücke überlebt habend, schleppt er sich zur Rezeption und erwartet dort freundliche Aufnahme.

Aber so einfach ist das nicht.

Zunächst will das Eingangsformular ordnungsgemäß ausgefüllt sein. Neben Selbstverständlichkeiten wie der Schuh- und Kondomgröße und dem Geburtsnamen der Großmutter väterlicherseits zermartert der Geplagte sich sein Hirn nach Dingen wie seiner Sozialversicherungsnummer, der Dioptrienzahl der eigenen Augengläser oder dem Todestag seines ersten Haustieres. Daten, die auf Nimmerwiedersehen in den Untiefen des Rezeptionsrechners verschwinden, um dort aufgrund ausgeklügelter Verschlüsselungsalgorithmen mit dem Tagesdatum und dem aktuellen Luftdruck eine unselige Verbindung einzugehen, aus der die zu vergebende Zimmernummer resultiert. Den Schlüssel bekommt man gegen einen genetischen Fingerabdruck ausgehändigt und wähnt sich schon am Ziel seiner Träume: im Bett.

Doch vor den Lohn haben die Götter und Architekten den Schweiß gesetzt. Der wird vergossen beim Versuch, das umfangreiche Gepäck in den mit etwas detektivischem Gespür aufgefundenen Fahrstuhl zu zwängen und dann die korrekte Stockwerknummer zu ermitteln. Daß man die Zehner- oder Hunderterstelle der Zimmernummer gleich der des Stockwerks wählen kann, hat sich noch nicht überallhin herumgesprochen; auch die numerische Sortierung der Kammern ist noch keine Selbstverständlichkeit. Wenn man dann aber endlich, nach langen Märschen über schummerig beleuchtete, klaustrophobieinduzierend enge und kilometerlange Flure das eigene Zimmer 342 endlich gefunden hat – und wer wäre nicht auf die Idee gekommen, es im zweiten Stock zwischen 117 und 366 zu vermuten, es gibt ja auch Dörfer mit chronologisch durchnumerierten Häusern –, kommt das nächste Problem auf einen zu. Bzw. war es schon da und hat brav auf einen gewartet: das Türschloß.

Man fühlt sich erinnert an den unseligen Mike Krüger und die Sache mit dem Nippel, der Lasche und der kleinen Kurbel. Nur erscheint kein Pfeil zum Draufdrücken. "Mach dem Benutzer klar," so müssen dereinst die Projektleiter dem Entwickler dieses Türschlosses gesagt haben, "daß es eine richtige und eine falsche Seite gibt an dieser Tür. Und mach jedem, der auf der falschen Seite steht, klar, daß es aussichtslos ist, auf die richtige zu kommen." Das hat prima geklappt – bloß den Teil mit dem "jedem" hätten die vielleicht nicht ganz so wörtlich nehmen sollen.

War da nicht irgendwo 'ne Brandschutzaxt an der Wand, denkt der Geräderte zusammenhanglos, da macht's klick, und die Tür schwingt auf. Hier teilt sich die Geschichte in drei Alternativen, je nach Typ des Hotels und Großzügigkeit dessen, der es bezahlt:

a) Edel, aber unbrauchbar. Echter Marmor im Bad, großzügiges Zimmer, Balkon, geschmacksnervenbetäubend pseudoantikes Mobiliar – alles bestens, so mag es scheinen. Nur ist der Fernseher ca. acht Meter vom Bett entfernt fest an der Wand montiert, das völlig sinnlose Bidet im Badezimmer genau in Kniescheibenhöhe auf direktem Weg zwischen Tür und Klo und der Kleiderschrank so weitläufig, daß man in dessen hinteren Ecken die Skelette verirrter Ex-Gäste aufzufinden befürchten muß. Dafür läßt sich die Balkontür nicht öffnen und die Klimaanlage nicht abstellen, und wer einmal im Bett liegt, findet nie wieder raus. Jedenfalls nicht vor morgen früh.

b) Nüchtern, aber unbeholfen. Der Charme einer Ikea-Küche gepaart mit der Gemütlichkeit eines Hochregallagers: Linoleumboden, 60er-Jahre-Mobiliar, na wenigstens ist man ehrlich: schlafen soll man hier, sonst nix. Auch hier sind es die netten Details, die einem die Nacht zur Hölle machen werden: fest an der Wand montierte Duschköpfe, kaputte Fernbedienungen des Fernsehers und nicht dosierbare Heizungsanlagen gehören zum üblichen Repertoire. Der Spiegel ist blind, auch gut, nach der Nacht auf der dreiteiligen Matratze aus dem ersten Weltkrieg sieht man vermutlich eh zum Davonlaufen aus.

c) Familiär, aber ekelerregend. Vielleicht das schlimmste der hier vorgestellten Übel: jene Hotels, die einen glauben machen zu wollen scheinen, man habe sich sein ganzes Dasein lang bloß auf genau ihn gefreut. Die Bettdecke zurückgeschlagen, ein klebriges Betthupferl, ein gefüllter Kühlschrank, Telefon und Fernbedienung schön griffbereit auf dem Nachttisch und angewärmte Handtücher. Wer all diese Aufmerksamkeiten nutzt, den erwartet dann am nächsten Tag eine saftige Telefon- und Minibarrechnung nebst der Erkenntnis, daß man trotzalledem für das Hotel doch bloß eine Kundennummer war.

Die drei Handlungsfäden fließen beim Frühstück aber wieder nahtlos ineinander. Der hier gebotene Standard ist mit Sicherheit in einer ISO-Norm festgeschrieben, so vorhersagbar ist das, was den Reisenden her erwartet. Schlabberiges Rührei mit versalzenem Speck, FAZ und die Lokalzeitung, labberiger Kaffee und zu starker Tee und dazu Berge von Einweg-Portionsverpackungen, die in einem seinem großen Vorbild in Optik und Geruch täuschend ähnlich nachgebildeten Tischmülleimerchen zu entsorgen sind. Kaum verläßt man den Tisch, um noch ein Brötchen oder zumindest eine der üblichen Aufbackimitationen zu ergattern, schon räumt ein dienstbeflissener Geist das Gedeck weg, um sich nach Aufklärung des Irrtums mit atemberaubend unschuldsimulierendem Lächeln daranzumachen, ein neues bereitzustellen – ABM auf hotelinesisch. Natürlich akustisch und olfaktorisch stets untermalt von Kleinkindern anderer Gäste, Händigepiepe und der obligatorischen Zigarette nach dem Essen.

So gesehen hat eine Parkbank auch ihren Reiz.

Findet jedenfalls
  Euer Dieter Schlabonski.

Erstellt am 27.02.2000.

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