Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Hundert Millionen

Endlich ist es soweit: der 100.000.000ste VW ist vom Band gelaufen. Das Volkswagenwerk reiht sich als erster Europäer ein in den illustren Kreis der Hersteller mit neunstelligen Stückzahlen und gibt sich erfolgstrunken und siegessicher als jüngster der größten Automobilkonzerne dieser Welt. Dabei sind sie zur Halbzeit ihrer bisherigen Geschichte, so Ende der 60er/Anfang der 70er, nur knapp an der Existenzkrise vorbeigeschrammt - was sie heute nur zu gern unter den Teppich zu kehren versuchen.

Schuld an beidem, Erfolg und Krise, war der Käfer beziehungsweise die insektoide Monokultur, die VW um ihn gezimmert hatte. Niemand wagte, den Weltmeister vom Thron zu stoßen, und so wanderte Prototyp um erfolgversprechender Prototyp in die Asservatenkammer und bald darauf unter die Panzerketten. Am Käfer hängt, zum Käfer drängt doch alles. Noch heute ist mehr als jeder fünfte je gebaute VW ein Käfer und fast jeder dritte ein Luftheuler mit Heckmotor. Das Prinzip dabei: was gestern gut war, kann morgen nicht schlecht sein.

Man übersah dabei, daß man mit liebenswert-schrulligen Vorkriegskonstruktionen unter gewissen Umständen vielleicht die Kleinwagen-Konkurrenz in Schach halten kann (die ja damals mit blattgefederten Starrachsen auch nicht gerade übermäßig modern daherkam), in der Mittelklasse aber nicht wirklich konkurrieren kann. Anders als Citroën, wo man die Konsequenz zog und mit der DS ein unglaublich progressives Auto im oberen Marktsegment unterbrachte (mit dem Preis einer klaffenden Schlucht im Modellprogramm zwischen DS und Entenvolk), basierten bei den Norddeutschen alle Modelle auf dem Käferkonzept. Das war gut für die Entwicklungskosten und die Werkstätten, aber schlecht für's Image.

Trotzdem ging es lange gut: die offenkundigen Vorteile des Käfers hielten seine ebenso offenkundigen Nachteile in Schach, und in anderen Ländern tun sie das noch heute.

In Deutschland und vor allem in den USA, dem damals wichtigsten Exportmarkt, brach in den 70ern aber alles zusammen: Abgasgesetze und die damit verbunden Änderungen schmälerten die Lebensdauer und sorgten für Mehrverbrauch, genau passend zur ersten Öl(preis)krise. Moderne Fronttriebler schossen überall aus dem Boden. Sicherheitsgesetze machten teure Überarbeitungen nötig. Und die Verkäufe stürzten ins Bodenlose - nur ein paar Unverbesserliche hielten (und halten bis heute) den Luftheulern die Treue.

Hat man im VW-Männätschment daraus gelernt? Oberflächlich sicher - veraltete Technik gibt's aus der Stadt mit dem Wopp nicht mehr, im Gegentum, man sieht sich gern als Speerspitze des Fortschritts im Automobilbau.

Doch sehen wir uns die heutige Situation mal genauer an. Wir erkennen: Wieder hat VW eine Monokultur gebaut. Es gibt ein paar Plattformen mehr als die damaligen drei, es gibt auch ein paar Motorenfamilien mehr als die damaligen beiden, aber im Prinzip hat sich außer dem (Antriebs-)Prinzip nichts geändert. Früher teilten sich Kleinlieferwagen der Post und schnittige Beinahe-Sportcabrios denselben Plattformrahmen mit dem Käfer, heute sind's tschechische Familienkombis und bajuwarische Rennbrötchen, die im Kern ihrer Technik nur verkleidete Gölfe sind.

Und quasi als Zugabe verkleiden die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, ihren neuen Aller-Welts-Wagen auch als - Käfer. Das Ergebnis, der "Beetle", läßt oberflächliche Leute juchzen ob der vermeintlichen Nostalgie, vereint aber in sich die Nachteile von Käfer und Golf: unübersichtlich, schwer, eng, laut, verbaut, voll von elektronischem Firlefanz, teuer, häßlich, lahm und nicht eben sparsam.

Daß ausgerechnet ein solcher Zwitter, ein solches Laifsteil-Auto den Titel des einhundertmillionsten Volks-(sic!)Wagens trägt statt eines Golfs, Passats, Transporters oder gar eines echten Käfers (der ja nach wie vor in Mexico aus denselben Hallen wie der "Beetle" rollt), spricht Bände über die Wandlung vom Hersteller bodenständiger Gebrauchswagen zum abgehobenen "Premium"-Anbieter. Und gleichzeitig steht zur Betonung auf der IAA eine Volkswagen-Luxuslimousine (welch Paradoxon) mit Zehnzylinder-TDI.

Einhundert Millionen Volkswagen. Herzlichen Glückwunsch nach Golfsburg - und willkommen in Schlabonskis Welt: Ihr paßt hierher.

Erstellt am 22.09.1999.

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