Schlabonskis Welt
14. December 2008
Filed under: Allgemein, Wahnsinn im Alltag — Dieter Schlabonski @ 17:24

Täglich mehrmals kreischt es mir aus dem Radio entgegen: I kissed a girl and I liked it, tralala und hopsassa. Und irgendwie war mir das schon nach dem ersten Mal, ja, nach dem ersten Refrain zuwider. Nicht nur, weil die räusper, Musik, hust, genausowenig mein Fall ist wie die Stimme, die da kreischt, sondern vielleicht auch und vor allem deswegen, weil ich blöderweise den Text verstehe. Da bildet sich diese Schnepfe doch tatsächlich ein, es handle sich bei ihrem Geschlechtsgenossinenabgeknutsche um etwas irgendwie auch nur ansatzweise Berichtenswertes. Ich mein, gut, da wo sie herkommt, aus dem Land der unbegrenzten Moralaposteleien, mag das ja vielleicht sogar so sein, aber heutzutage hierzulande fällt mir als unbedarftem Hörer dieses Machwerkes nur eins ein: Mag ja sein, Tusse — so what?

So What ist aber auch eine gute Überleitung zur nächsten Qual. Nein, ich meine hier selbstverständlich nicht den recht passablen Rocksong, den der allseits völlig unterschätzte und zumindest teilweise zu Unrecht als Schnulzenheini verunglimpfte Gilbert O´Sullivan dereinst unter diesem Titel ablieferte, sondern natürlich das Geplärre, das dieses Jahr allenthalben aus den Lautsprechern geifert. Von der künstlerischen Schöpfungshöhe ist dieses Machwerk am ehesten vergleichbar mit kindergartentauglichen Spottgesängen — und in der Tat, seine Melodie ist verdammt nah am bekannten “nä-nä-nää-nä-näääh-näääh”. Schlimmer noch: der Text … auch. Rabääh, mein Mann is wech, aber na warte, weil, ich brauch den ja gar nich, und seine Miete zahl ich jetzt auch nich mehr, nä-nä-nää-nä-näääh-näääh! Und im Refrain dann tatsächlich die Zeile So what, I´m still a rock star — das singt die ernsthaft! Das letzte Mal, wo mir eine derart selbstgerechte Zeile aufstieß, war bei Cat Stevens, der sang I´m gonna be a pop star — aber der hat das ganze Stück nicht so richtig ernstgemeint, sonst hätte er wohl kaum so betont schief gesungen dabei. Frau Pärrie hingegen meint den Dreck ganz offensichtlich ernst, wie jeder weiß, der schon mal wie ich das bedauernswerte Schicksal erlitt, dem Videoklipp zu diesem Gejaule ausgesetzt gewesen zu sein. Ich spar mir mal die Beschreibung, nur soviel: da bleibt einem echt die Luft weg vor soviel zur Schau gestellter Arroganz.

Und auch das ist, welch Zufall, eine gute Überleitung: Head under water, and you tell me to breathe easy for a while — so klingt’s aus dem Lautsprecher, und das erste Mal grinse ich armer Optimist noch und denke mir, jau, netter Anflug von Sarkasmus, das könnte direkt was Brauchbares werden. Und wie geht’s weiter: The breathing gets harder, gut, wer hätte das gedacht so mit dem Kopf unter Wasser? Schlimmer noch: Even I know that, jahaa, selbst ich offensichtlich total dusselige, bis jenseits aller Schmerzgrenzen merkbefreite Vollspackin habe das mittlerweile feststellen können. Schlabonski gratuliert und verleiht nebenbei den Preis für die offensichtlichste “Da-müssen-wir-aber-nochmal-bei”-Zeile 2008.

Ohne gute Überleitung (denkt Euch einfach einen Blues in Zeh dazu) hätt ich dann ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit noch ein Stück, das mich derzeit wütend zu machen vermag. Die relevante Zeile lautet: If someone said three years from now you´d be long gone, I swear I would punch them out ´cause they´re all wrong. Na schönen Dank auch, Fräulein Schweinchenrosa: solche Typen wie Dich nicht zu kennen bin ich da doch direkt mal froh. Oder wie würde es Dir gefallen, für einen Spruch wie “in drei Jahren ist der Typ doch längst über alle Berge” direkt einen in die Fresse zu kriegen? Das ist noch nicht mal im übertragenen Sinne witzig, tut mir leid. Nein, nicht sehr.

So. Und eh Ihr jetzt denkt, da mag einer keine singenden Pauerfrauen: doch doch, durchaus. Sheryl Crow liefert da immer wieder Hörenswertes, Klassiker wie Tracy Chapman oder Tanita Tikaram (letztere nach einigen Durchhängern, ich sag nur “Elephant”) eh, und selbst manch Deutschlied wie Annett Louisans “Drück die 1″ oder “Wir müssen nur wollen” von Wir sind Helden (mit der genialen Zeile Wir können alles was zu eng ist mit dem Schlagbohrer weiten, können glücklich sein und trotzdem Konzerne leiten — tiefe Verneigung vor soviel Kreativität, ganz ehrlich) vermag mir außer einem wohlwollenden Grinsen sogar sowas Ähnliches wie Kauflust abzuringen. Und wenn mir das einer vor drei Jahren prophezeit hätte … ich hätt ihm glatt in die Fresse gehauen. ;-)

Übersetzungen für die des Englischen nicht so mächtigen Leser:
I kissed a girl and I liked it: Ich habe ein Mädchen geküßt, und es hat mir gefallen.
So what: Na und?
I´m still a rock star: Ich bin immer noch ein Rockstar.
I´m gonna be a pop star: Ich werde ein Popstar sein.
Head under water, and you tell me to breathe easy for a while: Kopf unter Wasser, und Du sagst mir, ich müsse einfach eine Weile etwas flacher atmen.
The breathing gets harder, even I know that: Das Atmen wird schwerer, das weiß sogar ich.
If someone said three years from now you´d be long gone, I swear I would punch them out ´cause they´re all wrong: Wenn jemand sagte, in drei Jahren wärst Du schon lange abgehauen — ich schwöre, ich würde ihm eine reinhauen, denn er läge damit völlig falsch.

Filed under: Allgemein, Wahnsinn im Alltag — Dieter Schlabonski @ 12:53

Es wird allmählich zu einer häßlichen Gewohnheit, laut zu brüllen “Ich bin wieder da”. Zumal es vermutlich eh kaum wen interessiert. Sei’s drum.

Manch Kommentierenswertes ist in der Auszeit mal wieder heillos veraltet: der beinahe jüngste, aber mit Sicherheit schwärzeste designierte Präsident der Vereinigten Staaten von Neandertal etwa holt schon jetzt, lange vor Amtsantritt, keinen Hund hinter dem Ofen mehr hervor (was Wunder bei dem Mistwetter), und auch der mit Sicherheit sowohl jüngste als auch schwärzeste Formel-1-Weltmeister kommt in den Medien kaum noch vor. Vorkommen tun dort stattdessen überwiegend Hiobsbotschaften: von Rezession ist da die Rede, von Weltwirtschaftskrise, von demnächst dann wohl wieder mal steigenden Arbeitslosenzahlen und natürlich von Frau Merkel, die ja an sich schon eine personifizierte Hiobsbotschaft darstellt.

Wirklich glorreich ihre (?) Idee, Neuwagenkäufer zwecks Wirtschaftsankurbelung von der Kfz-Steuer zu befreien (und dann noch nicht mal wie einst Onkel Adolf für immer, sondern bloß für läppische 1-2 Jahre, wo man doch das Zehnfache des so gesparten Geldes schon als Rabatt in der Tasche hat, bevor das “Guten Morgen”, das man in den Schohruhm des Autohauses erschallen ließ, verhallt ist). Da sparen dann also Käufer eines politisch korrekten Polo oder Punto oder sowas ein paar läppische Euros, und den Cayenne-, Q7- und 750iL-Käufern werden Hunderte in den Arsch geblasen — was beide etwa gleich wenig dazu verleitet haben dürfte, ausgerechnet jetzt ihren Hermann unter den Kaufvertrag zu setzen, aber ökologisch klar das falsche Signal setzt und außerdem trotz der vermuteten Ineffektivität trotzdem in der Summe ein Heidengeld kostet, das dieser unser Staat eigentlich nicht hat.

Ja. Was war noch? Achja, Orwell.exe ist mehr oder weniger vor den Ofen gelaufen, wie einst von mir prophezeit (schulterklopf). Merkwürdig mutet dabei nur das Ministerwort an, entweder komme das Gesetz doch noch dieses Jahr, oder es komme dann eben gar nicht mehr. Was passiert so Entscheidendes am Ende dieses Monats, daß man das Gesetz danach leichten Herzens ganz aufgibt? Verschwörungstheoretiker vor!

Und ansonsten klebt nur schon wieder überall dieser Weihnachtssirup. Er glibbert aus den Lautsprechern von allem, was irgendwie mit einem Radiosender oder einer Konsumtempelbeschallungsanlage verbunden ist, er trieft von den romantischen Lichterketten in den Fußgängerzonen und an den Einfamiliendoppelhaushälften, er matscht einem aus dem Briefkasten entgegen und, wenn man den Fehler macht, es einzuschalten, aus dem Fernsehgerät sowieso. Und das Schönste ist: in zwei Wochen ist es damit auch schon wieder vorbei.

In diesem Sinne wünscht eine besinnliche Vorweihnachtszeit:
  Euer Dieter Schlabonski.