Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Unsere Solidarisch-Wochen: Klassenkeile

Schlabonskis Anspruch ist es nicht, die Welt zu retten, das sollte mittlerweile eigentlich jeder Leser hier begriffen haben. Aber erklären, das wenigstens versuchen wir. Manchmal. Also, genug geschwafelt: im Rahmen unserer zweiten Solidarisch-Wochen heute dieser Sermon über Weltpolitik im Maßstab eins zu reichlich.

Unser Jahrgang ist nie ein besonders friedlicher gewesen. Gleich zu Anfang, ausgangs der 4. Klasse, haben zum Beispiel viele von uns einen Mitschüler namens Adolf H. gemeinsam totgemacht. Zwar sind wir uns auch heute noch einig, daß der mit dem Ärger angefangen hat und daß es eh nie ein größeres Arschloch gab unter uns, ja: daß die von uns, die den kaltgemacht haben damals, Helden waren, aber soviel solltest Du zur Einstimmung von uns wissen: zimperlich sind wir nicht, wenn's drauf ankommt. Zumindest viele von uns.

Früher, als wir noch in Schulklassen getrennt waren, war das auch noch viel heftiger als heute. Damals waren die Klassensprecher und ihre Cliquen bis an die Zähne bewaffnet, was aber viel schlimmer war: die Fronten waren klar. Es gab Absprachen: wenn Wladimir und Walter dem Konrad was tun, dann werden dafür Sam, Francois und die anderen aus Konrads Klasse nicht nur Walter und Wladimir, sondern auch den Rest aus *deren* Klasse plattmachen. Oder umgekehrt. Damals hatten nur wenige von uns Schußwaffen, aber alle hatten Angst, daß schon die nächste kleine Rangelei in einem Blutbad enden würde. Wenn geschossen wurde, dann aber in die Decke; nur in der 4. Klasse, kurz nach Adolfs Ableben, hatte sich mal einer von Sam zwei Kugeln eingefangen. Seitdem hatten wir alle einen höllischen Respekt vor den Dingern, und auch wenn die, die welche hatten, sie immer geladen und griffbereit in der Tasche hatten, konnte man die Gelegenheiten, wo sie tatsächlich rausgeholt und dem anderen unter die Nase gehalten wurden, an den Fingern abzählen.

Seitdem wir im Kurssystem sind (die letzten Klassen in dem Sinn waren die achten, heute sind wir in der Jahrgangsstufe 10), ist das alles viel komplizierter geworden. Vorher war klar: bist du nicht mein Freund, dann bist du mein Feind. Heute ist das meistens grau in grau statt schwarzweiß. Eine der beiden Fronten von damals ist irgendwie sang- und klanglos wegdiffundiert – die Leute sind mit ihren Ex-Feinden im selben Leistungskurs, und man versteht sich zur eigenen Überraschung ganz gut miteinander –, jedenfalls steht die andere, allen voran Sam, immer noch bis an die Zähne bewaffnet, aber ohne eindeutiges Feindbild jetzt doch etwas dumm da.

Nicht daß wir uns falsch verstehen: aufs Maul gibt's immer noch reichlich, eigentlich sogar mehr als früher, eben weil Wladimir nicht gleich mit der Knarre um die Ecke kommt und sie Sam unter die Nase hält. Besonders seit vorletztem Monat ist Sam stinksauer: damals hat ihm einer, wer genau wissen wir nicht, er behauptet, es war Osama, auf dem Schulhof ein Bein gestellt, und er hat sich am Treppengeländer drei Schneidezähne ausgeschlagen. Osama ist seitdem verschollen. Manche glauben, er ist tot. Aber auch das weiß keiner ganz genau.

Überhaupt Sam. Reiche Eltern hat er, schlau ist er auch, und er war zumindest früher auch so ziemlich der großzügigste im Jahrgang. Böse Zungen sagen, daß er sich seine Freunde nach der Sache mit Adolf mehr oder weniger zusammengekauft hat. Jedenfalls hat er, vor allem in der 5. bis 7., so manchem von uns neue Klamotten gekauft oder Bücher oder, und vor allem, Springmesser und Pistolen. Dafür mußte man natürlich zu ihm halten. Tat man ja auch gerne.

Aber in letzter Zeit ist er doch ziemlich komisch geworden. Manche sagen, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, er habe den Verstand verloren. Vor allem, seit er es mal wieder auf Saddam abgesehen hat. Der hatte in der 9. einen Mitschüler überfallen und ausgeraubt, und weil das einer unserer wichtigsten Dealer war, hatten wir, Sam natürlich vorneweg, daraufhin Saddam ziemlich derbe vermöbelt. Der mußte auch das Dope zurückgeben und stand seitdem unter Beobachtung. Jetzt behauptet Sam, der Saddam führe wieder was Übles im Schilde. Was genau, weiß keiner, aber trotzdem will Sam Saddam plattmachen, diesmal aber richtig. Was er aber nicht erwartet hatte, war Widerstand aus den einstmals eigenen Reihen. Ein paar von uns wollen nicht mitmachen, fordern Fairneß Saddam gegenüber.

Sam ist natürlich stinksauer deswegen. Undankbar seien wir, steckten womöglich mit Saddam unter einer Decke, wären am Ende vielleicht gar an der Sache mit dem Beinstellen und den ausgeschlagenen Zähnen beteiligt gewesen, blah blah. Manche glauben insgeheim, daß Sam sich damals vielleicht zumindest etwas bereitwilliger aufs Treppengeländer fallen ließ als nötig, um endlich mal wieder einen Grund zum Prügeln zu haben. Wie dem auch sei: die nächsten Tage dürften interessant werden. Mit einem Blutbad, wie es in der 7. täglich drohte, rechnet heute keiner ernsthaft; aber daß Blut fließen wird, ist leider mehr als wahrscheinlich.

Mich interessiert bei der ganzen Sache ehrlich gesagt am meisten, ob Sam irgendwann wieder zur Vernunft kommt oder ob er irgendwann Amok läuft. Wundern würde es mich nicht. Brauchste ihm aber nicht unbedingt auf die Nase zu binden, ja? Ich mein, Du weißt ja, wie er ist ...

So, Freunde, das war's im Wesentlichen. Tut mir leid, daß Ihr da in Wahrheit mit drinhängt, weil der Jahrgang eigentlich die Menschheit ist. Aber wenigstens leben die meisten von Euch, die dies hier lesen, in Ländern, die nicht mitmachen (und auf die Sam deswegen sauer ist). Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin froh, in so einem Land zu leben.

Alles Gute, und Frieden auf Erden, wünscht einstweilen
  Euer Dieter Schlabonski.


[ Zurück zum Blog | Alte Startseite | Alle alten Seiten | E-Mail ]

Erstellt am 30.04.2003
Letzte Änderung am 24.07.2004 12:59 (CEST)
Diese Seite liegt auf http://www.schlabonski.de/klassenkeile.html

Best viewed with any browser Valid HTML 4.0! 100% hand coded HTML