Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Reich mir doch bitte mal das Schlachtbeil, Liebes

Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen man am besten zu Hause geblieben wäre: Es regnet himmlische Fäkalienstriche in den dunklen, vorweihnachtlichen, gerade an- und ausgebrochenden Abend hinein. Dem besseren Wissen zum Trotz zwänge ich mich doch in mein Auto und fahre zu einem Freund und anderen Bekannten, mit denen ich mich wieder in ferne Zeiten versetzen und die Sau rauslassen werde. Und zwar fast ganz ohne Drogen: Rollenspiel.

Die sich darbietende Runde begrüßt mich gemeinsam mit dem bekannten Chips- und Lebkuchen-inhalierenden Schmatzen, welches mir samt ausgespuckter Schokoladenplocken auch gleich "Hallo" zu kommunizieren versucht. Kaum ist mein Gesicht trocken und drei Tüten leer, mache ich mich auch schon auf die Suche nach einer Sitzgelegenheit oder der bestmöglichen Approximation einer solchen. Eigentlich gibt es ja Platz genug, wäre er nicht bereits belegt. So begnüge ich mich – mal wieder – mit dem harten Schreibtischstuhl, der durch die kaputte Feder in der Aufhängung schmerzvoll quietschend jede meiner Bewegungen auf dem Vehikel zu quittieren versucht. Gut so. Einer muß ja auch heute leiden.

Ich packe mein Schicksal, meine Waffen und meine Manneskraft, sprich die Würfel aus meinen Beutel, und schmeiße sie in den Lederbecher. Es kann losgehen – ich bin bereit...

Der Meister sitzt in seinem Sessel, seine Blättersammlung in den Händen und seine Worte suggerieren mittelalterliche Fänntäsiestimmung, die von meinen Mitspielern abprallt wie Durchfall von der Schüssel, infolgedessen denn auch nur die kleinstmögliche verträgliche Menge Spannung und Spaß am Spiel aufkommen kann. Man könnte ja aus sich herausgehen – welch gefährliche Vorstellung: das kann schließlich tödlich sein. Zumindest für den eigenen Charakter. Und dann müßte man ja wieder stundenlang einen neuen auswürfeln. Da überlegt man sich doch lieber jedes Wort zweimal – Spontaneïtät, nein danke! Grumpf.

Während mein Nordlandbarbar in meiner mir holperlichen Art versucht, die Belegschaft des Gasthauses durchzuvögeln, bevor es zur tödlichen Falle wird, will sich der Priester mit Keksen im Mund die Enthaltsamkeit angewöhnen. Die anderen Zauberheinis betrachten unterdessen mein Muskelpaket mit dem Sparhirn mit angemessenem Argwohn.

Endlich isses soweit: Irgendso'n schaseliger Händler will, daß wir ihm was besorgen. ("Hey, besorg's mir!") Wird auch Zeit – mein Rücken tut schon weh, und ich kann die ewigen Diskussionen über die Regelauslegung nicht mehr wirklich ertragen, von den anderen spielfremden Sülzereien ganz zu schweigen. Pause! Naja, fast: Nach zwei Stunden virtuellen Einkaufs in der imaginären Stadt folgt dann doch schon das übliche Bestellritual beim Bringdienst. Ich bekomme Kopfschmerzen, und der nochmalige Blick auf meinen Charakterbogen gibt mir auch keine Erleucht- oder -leichterung.

Die Pizza wird verdaut, und es geht weiter: wir stehen in einem Höhlenkomplex. Dumme Bemerkungen und Sprüche begleiten unsere Gruppe wie Fliegen die Scheiße. Nach 30 Minuten haben wir uns tatsächlich schon entschieden, in den einzigen Gang zu gehen, der nicht aus der Höhle führt. Alle stellen sich an. Ich nicht. Ich gehe immer vorne. Der Blick meiner Mitspieler auf mich verrät mir schon wieder, was sie denken: "Geht er heute wieder drauf? Na hoffentlich..."

Nun denn. Kaum haben wir den Gang hinter uns, habe ich auch schon die Hälfte meiner Lebenspunkte verloren, wurde nebenbei mal ein bißchen vergiftet, und mein linker Arm ist für 30 Tage unbrauchbar. Obwohl ich den Weg zur nächsten Höhle noch gar nicht freigegeben habe, stehen die anderen schon alle an den sich uns darbietenden Schatztruhen und Edelsteinhaufen und raffen sich je 300 Kilo in ihre Rucksäcke. Irgendwie riecht das nach einer Falle...

Mein Verdacht erhärtet sich, als etwas Großes, Schuppiges vor uns Platz nimmt und unseren raffgierigen und goldgeilen Handlungsstrang näher in Augenschein zu nehmen. Ein Drache. Na und? Solange es kein alter ist... ups. Etwa doch? Schluck. Auch wenn man mit den Jahren immer ruhiger wird, der Drache ist unseren Treibens wegen nicht gerade amüsiert. Der Meister gibt uns eine Chance: Für ihn, also den Drachen, arbeiten – oder den Göttern noch ein Ständlein singen.

Es kommt, wie es kommen muß: Ein falsches Wort, und die Fronten sind geklärt. Der Hexer verpißt sich in den Gang, der Priester stellt sich tot, irgendeiner wirft mit Lampenöl, während die Bardin mit Beredsamkeit versucht, den Drachen abzulenken, der mich voller Freude angreift.

Dem dezent-tödlichen Feuerhauch kann ich gerade noch so widerstehen. Allerdings schafft das Vieh es außerdem leider auch noch, ein bißchen zuzuschlagen. Der Drache trifft mich mit einer gewürfelten Zwanzig. Klasse. Ich bin wehrlos, und mein Schwertarm ist zerfetzt. Ich liebe solche Tage. Während ich mich gerade ausnehmen lasse (und zwar nicht im übertragenen Sinne), machen sich die anderen aus dem Staub. Kameradenschweine. Mit letzter Kraft kann ich noch in den Gang zurückrobben. Der Drache hat ein Einsehen, die Falltür mit dem Transporterfeld allerdings nicht. Ich falle und lande weich in einer mit Stroh ausgelegten Gefängniszelle auf einem meiner diversen kaputten Arme. Knirsch! Nach diesem Sturz habe ich noch einen Lebenspunkt. Noch bin ich nicht tot, noch... nicht... ganz...

Die Bardin kommt zurück und wirft zum Test nochmal schnell eine Fackel hinterher. Tolle Idee. Irgendwo in einem fernen anderen Land verwandelt sich mein Charakter in ein Häuflein Grillfleisch. Mit Spieß. Die Ghule sollen ja auch was zu beißen haben. Mohltiet!

Der Rest der Gruppe ist glücklich. Schnell in die Stadt und die Lehrmeister aufsuchen. Mensch, das ist ja nochmal gut gegangen. War das nicht toll? Ja. Es war nicht toll.

Mein Charakter ist schon wieder tot, die anderen sind am Ende des nächsten Abends Grad 9, und die Bardin hat 'nen Praxispunkt für die Beredsamkeit bekommen – hat ja auch prima geklappt. Die blöd grinsenden Visagen drängen auf den Heimweg. Der Meister klopft mir auf die Schulter und sagt: "Nicht so schlimm, ich leg Deinen Bogen zu den anderen."

Danke und bis nächste Woche.

Erstellt am 15.12.1999. Letzte Änderung am 16.12.1999.

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