Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Möllemann, geh du voran

Möllemann, geh du voran

Was ist überhaupt los hier? Ich meine, kommt nur mir das alles so viel verkorkster vor, als es vor ein paar Jahren war, oder ist es wirklich so?

Während Indien und Pakistan sich täglich dem Atomkrieg, äh, tschuldigung, "nuklearen Schlagabtausch" heißt das ja jetzt, näherbomben, fragt man sich hierzulande nur, wer der nächste Kanzler werden mag. Gut, das ist eine Frage, die wir nicht gewohnt waren für 16 Jahre, insofern ist das zugegebenermaßen weniger bemerkenswert als die mittelabartige Verworrenheit, in der sich die allgemein geäußerte politische Meinung derzeit befindet. Schröder soll, wenn man die Mehrheit fragt, zwar wieder Kanzler werden, aber die CDU liegt in den Umfragen vorn. Die FDP ist Zweiter, zumindest stellenweise, und das obwohl keine Sau Guido "den Fön" Westerwelle will, so genannt nicht nur wegen der Frisur, und schon gleich gar nicht Möllemann. Was bleibt also? Joschka tritt der FDP bei, und die streben dann eine Koalition mit der Union an, mit dem Bundesschröder als Kanzlerkandidat?

Überhaupt Möllemann. Ich mein, das Dumme an seinem neuesten Skandal ist ja nicht der Skandal als solcher, sondern, daß man nicht recht weiß, was man davon halten soll -- denn irgendwie hat der Mann ja leider recht: Friedmann (?), der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, ist ja wirklich eine unsympathische Hackfresse, der seiner Sache nicht eben gut tut, und das nicht nur wegen seiner Person, sondern auch und vor allem wegen dieser unerträglichen eingebauten Rechthaberei: so wie man vom Mercedes-Fahrer sagt, er habe dank des Sterns die eingebaute Vorfahrt, so scheint man hierzulande auch automatisch recht haben zu können, weil die eigenen Vorfahren auch mal Sterne tragen mußten.

Bleibt zu sagen, daß ich dem Herrn Möllemann nicht glaube, daß er Herrn Friedmann konstruktiv kritisieren, ihm seine Fehler bewußt machen wollte. Nein, ich glaube auch nicht, daß Herr Möllemann ein Antisemit sei. Was ich glaube, ist aber auch nicht viel schmeichelhafter: ich glaube, daß Herr Möllemann ein schmieriger Populist ist, der seinen opportunistischen Wählerstimmenfang am äußersten rechten Rand der Gesellschaft nun zwecks Schadensbegrenzung notdürftig zu kaschieren versucht.

Aber das bedeutet ja nicht notwendigerweise, daß ich alles gut finden muß, was die in Israel da so treiben. Nein, ich finde das, was die Palästinenser treiben, auch nicht so toll. Aber man stelle sich vor, morgen landet eine Truppe Wikinger in -- sagen wir mal -- Schleswig, verweist auf obskure, jahrtausendealte Dokumente, nennt es die heilige Stadt und vertreibt die Plattdeutschen mit Waffengewalt, um da -- selbstverständlich mit tatkräftiger Unterstützung von Godd's ohn Kanntrie -- einen eigenen Staat zu gründen. Ob's da weniger Ressentiments gäbe? Nein, ich will nicht sagen, daß Sharon unbedingt weniger recht hat als Arafat. Aber eben auch nicht mehr.

Aber wer solche Meinungen hat, nein, falsch, haben darf man sie ja möglicherweise noch, aber wer sie schlimmer noch: vertritt, der muß sich, sobald er ein wenig wichtiger ist als ein spökeliger Webseitenautor, über den Mund fahren lassen von anderen wichtigen Leuten wie dem Herrn Gerhard (?): Kritik an der Regierung Sharon verstoße gegen die Staatsraison der Bundesrepublik Deutschland.

Ja.

Äh ...

Moment mal ...

Staatsraison? Das Wort war bis jetzt nicht in meinem aktiven Wortschatz, und auch im passiven ziemlich tief vergraben. Jedenfalls wußte ich nicht, daß wir hier sowas haben. Ich dachte immer, Deutschland sei eine Demokratie, so mit Meinungsfreiheit, "in Wort, Schrift und BILD frei zu äußern und zu verbreiten", bis daß der Tod Euch scheide. Aber dann kommt erst ein Herr Schröder und sagt, ab heute seien wir alle Amerikaner (bitte: ich lieber nicht, falls ich 'ne Wahl habe, danke), dann schicken die Grünen uns in den Krieg, und jetzt ist es ein Skandal, wenn jemand es wagt, eine der verbrecherischeren Regierungen der Welt zu kritisieren. Was kommt als nächstes?

Wenn ich mir das so ankuck, scheint die Sache mit dem nuklearen Schlagabtausch gar nicht mal mehr soo unattraktiv. Schade, daß sie die meisten von den Dingern schon verschrottet haben, wird wohl nicht mehr reichen. Overkill wäre für diese Welt vielleicht doch das beste gewesen: das Äquivalent eines 20-Kilotonnen-Wohnblockknackers für jede Familie auf dem Planeten, verteilt auf die Dauer eines lauschigen Sonntagnachmittags. Und dann streitet sich keiner mehr um irgendwelche angeblich heiligen Länder. Doch, das hätte was.

Findet jedenfalls Euer Dieter Schlabonski. (2.6.02)