Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Leben und Sterben in der Neubausiedlung

Früher gab es mal die Vorstellung, daß man als Mensch drei Dinge getan haben muß, um gesellschaftlich etwas erreicht zu haben: Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind machen. Heute hat sich diese Vorstellung etwas gewandelt: Heute ist man wer, wenn man in einer Feier sich eine Alkoholvergiftung zugezogen hat, einmal im Knast war wegen Drogenmißbrauchs und beim Sex oder dem, was dafür durchgehen soll, am Verschlucken fremder Körpersäfte jämmerlich erstickt ist.

So in etwa gestaltet sich auch das Kleinstadtleben unserer Gesellschaft. Nun gut, das mit dem Verschlucken muß nicht unbedingt sein, da werden auch mal andere Lösungsansätze akzeptiert. Dank unserer Boulevardpresse wird sich für jeden das Passende finden lassen.

In einer heutigen Siedlung geht es nach außen hin immer gemütlich zu: Alle sind im gleichen Alter, haben beinahe dieselben Interessen, sind unter sich – und alle verstehen sich blendend. Warum also mißmutig sein? Gut, ich gebe zu, daß es meinen Nachbarn etwas irritiert haben muß, als ich meine beachtliche Gartenzwergsammlung durch die gleiche Anzahl benutzter, aber dafür ungereinigter Kloschüsseln ersetzt habe. Aber deswegen gleich streiten? Nein. Da wäre der Ölwechsel letztens an der Grundstücksgrenze schon eher beinahe ein Ärgernis geworden. Aber wir Nachbarn sind in der Hinsicht selbstverständlich kulant.

Katzen! Katzen dagegen sind ein Grund, einander zu hassen. Diese kleinen stinkenden Pelzknäuel, die immer wieder meinen, den eigenen Garten als Wegweiser oder zum Kacken zu verwenden, nehmen dem Anwohner einer Neubausiedlung jede gute Laune, wenn er sie je hatte.

Da wird schon mal mit dem Spaten der Plage Einhalt geboten. Auch wenn man dafür die Haustür des Besitzers aufbrechen muß. Katzen gehören weg aus dieser schönen Siedlung. Schließlich könnten daran kleine Kinder, die man nicht hat, die in dem schönen Vorgarten, den man nicht pflegt, beim Graben in den Beeten, in denen man schon ganz andere Dinge entsorgte, kleine stinkende Katzenköttel essen und daran grausam kaputt gehen. Von den Katzentapsern auf den Neuwagenmotorhauben ganz zu schweigen! Und außerdem können wir intelligentes Leben nicht dulden hier in der Siedlung.

Hunde hingegen: Hunde sind einfach. Die gehen nie allein. Wenn da mal ein Hund in den Vorgarten scheißt, kann man gleich das Kommitee um den freundlichen Beistand bitten, für den man selbst gerne eintritt. Und auch um auf Autos zu klettern sind die zu doof. Passen also prima hierher.

Was also tun?

Gemeinschaftlich werden inoffizielle Bürgerkommitees gegründet, bei denen die passiven Mitglieder den Katzenbesitz... Dosenöffnern geharnischte Drohbriefe schreiben und die aktiven mit Vollgas im Wohnviertel die Anzahl der Katzen und vielleicht einiger verzichtbarer Nachbarn zu reduzieren suchen.

Wie gut solche Initiativen wirklich funktionieren, sieht man aber erst dann, wenn die Gemeinde unverhofft auf ein nie vermutetes Braunkohlelager trifft, welches direkt an der Siedlung gleich hinter der sechsspurigen Kreisstraße angrenzt. Schon scheint der massive Protest gegen den Abbau zu einer Handvoll Katzen- und Hundebesitzer zusammenzuschrumpeln, die es auch noch tatsächlich wagen, dagegen ins Feld zu ziehen. Pfui! Diese Fortschrittsfeinde! Arbeitsplätze wollen die doch nur vernichten, diese Spielverderber! Außerdem kann man doch immerhin wenigstens ein paar Brocken für den eigenen Kamin abstauben, wenn die da nach Kohle buddeln. Bei den Energiepreisen heute! Nur weil diese Schwanztierfetischisten unmittelbar an der Kreisstraße wohnen, muß ja nun nicht gleich die ganze Siedlung protestieren.

So kommt es, wie es kommen muß: Die Tierfreunde verlieren neben ihren kleinen Hausfreunden auch gleich das Haus nebst Grundstück, das zum Abbau zusammen mit der Straße dem gewaltigen und tösenden Bagger weichen mußte. Strafe muß sein, meint jedenfalls der Rest der Zurückgebliebenen.

Und während dann der verbliebene Rest sich wundert, daß man plötzlich den Garten auf Höhe des Dachfensters hat und daß die neue sechsspurige Kreisstraße genau zwischen Siedlung und Grundschule entlangführt, ist die neue Siedlung auf der ehemaligen Sondermülldeponie mit tollen tollen Fertighäusern für die Ex-Katzenbesitzer fix und fertig für den Einzug.

Lachender Dritter ist die Gemeinde, die ihr tiefrotes Budget mit Verkauf, Zwangsräumung und Deportation einiger Gemeindemitgliedskonten aufstocken konnte.

Schließlich muß sich der Mist ja lohnen!

denkt jedenfalls Euer Bürgerm...
  ääääh... Dieter Schlabonski


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Erstellt am 19.08.2003
Letzte Änderung am 13.05.2004 21:29 (CEST)
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