Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Neulich bei Kaiser's in Kreuzberg

Von unserem Gastautor Peter Lemken.

Samstagmittag, meine bevorzugte Zeit zum Einkaufen. Man kann sich aufs Wochenende einstimmen, sich beim Schlangestehen in Ruhe überlegen, was man noch an Fressalien und Flüssignahrung für einen besinnlichen Sonntag braucht.

Am vergangenen Samstag bot Kaiser's dann auch standesgemäß endlich einmal eine Sondereinlage, damit sich Stammgäste richtig wohlfühlen und entsprechend aufs Wochenende einstimmen konnten. Die Begeisterung der Menge kannte keine Grenze, als die Geschäftsführung das Vorweihnachtsstück "Heute nur zwei Kassen auf" zur Aufführung brachte. Ein ohnehin proppenvoller Laden wurde damit zu einer Bühne, die an Unterhaltungswert nicht hinter dem Variete im Friedrichstadtpalast zurückstecken brauchte. Das, in Kombination mit der einzigartigen Gelegenheit, hautnah Leben-live zu erleben, das war schon einen wert.

In den Hauptrollen:

Der Verstohlene:

Trainingshose, Dreitagesbart (ergraut), Unterhemd, Jacke aus Ballonseide, Sandalen. Ständig um sich guckend, zwischen den Gängen hin und her zu wechseln, um eventuell in der anderen (zwei gab's) Schlange ein wenig schneller voranzukommen. Ständig auf der Lauer nach Kunden, die Blicke schweifen ließn, um eventuell noch etwas aus dem Regal zu nehmen und damit um 23,5 cm von der Schlangenideallinie abzuweichen, was für den Verstohlenen Grund genug ist das Einkaufsäquivalent zu "Aufgestanden, Platz vergangen" dezent an den Mann zu bringen. Eine Spezies, die erstaunlich viel Platz für Flachmänner und andere Muntermacher in ihren Jackentaschen hat.

Die Mutter:

Blicke *können* sprechen. Förmlich auf die Stirn genagelt war diesem öfter anzutreffenden Exemplar ein neonfarbenes Stirnband, welches in Laufschrift den Umstehenden zu verstehen gab, daß sie ein quasi moralisches Anrecht auf einen Platz in der ersten Reihe im Gang zur Kasse hätte. Die Ärmste war aber auch nicht zu beneiden. Hatte sich auch dummerweise die Schlange ausgesucht, die rechts von Flaschen gesäumt war, links aber voll mit Regalen war, die das Herz eines jeden Zahnarztes höher schlagen ließ. Etwa alle fünf Sekunden erblickte ihre Teppichratte einen neuen, noch effizienteren Plombenzieher, der natugemäß mit großem Aufschrei der Freude begrüßt wurde, leider aber antiklimaktisch durch das erklärende "Nein" der Mama zunichte gemacht wurde. Kidie goes soprano - die neue Madonna CD jetzt bei Amaz*n.

Die Überraschung:

Immer toll anzusehen sind Frauen mit Klasse. Also blankgeputzte Schuhe, eleganter Rock, wallender Kaschmirmantel und mit allen Wassern aus dem Ellen Betrix-Sortiment gewaschen. Ganz zu schweigen von der Frisur, deren Herrichtung den holden Gatten ein Vermögen gekostet haben muß. Mit geschlossenen Augen kann sich der geneigte Leser ausmalen, welchen Inhalt der Einkaufswagen hatte - die Dame muß einen Werbevertrag mit der PR-Agentur gehabt haben, die alles erfunden hat, was entweder mit Light, Easy, Diet, Sportif und ähnlichem Lifestyle anfängt oder aufhört.

Entsprechend begeistert war auch das Publikum, allerdings nur bis zu jenem Schicksalsmoment der Tragödie, da unsere Heldin an der Kasse feststellen mußte, daß sie kein Bargeld dabi hatte. Lediglich kollektiv weitergereichte Beißhölzer konnten hier die Anfänge von Lynchjustiz im Keime ersticken.

Die Dumpfbratze:

Ein besonders schönes, aber leider immer häufiger anzutreffendes Exemplar. Sieht eine Schlange, weiß, daß ihm nichts anderes übrig bleibt, als den Laden entweder unverrichteter Dinge wieder zu verlassen, oder sich eben in Geduld zu fassen. Die Dumpfbratze kann das leider nicht. Bewaffnet mit langem Schal, Motorradhelm und Karton zum Transport seiner Waren muß sich dieses besonders liebenswerte Exemplar natürlich an jenen Regalen vergehen, die auf dem Weg zur Kasse liegen. Allerdings nicht eins nach dem anderen und im Laufe des langsamen Weitergehens der Schlange, sondern immer dahin, wo er gerade nicht in der Schlange steht. Vorausschauende Planung ist seine Sache nicht, weswegen man herrlich beobachten konnte, wie ihm etwa alle zehn Sekunden ein Einkaufsgegenstand in den Sinn kam, den es noch zu ergattern galt. Also raus aus der Schlange, mit Helm und Karton blaue Flecken verteilend, immer "Tschulligung" nuschelnd. Ist logistische Minderbegabung eigentlich ein Grund, früher in Rente gehen zu dürfen?

Nächste Woche gehe ich in die Philharmonie. Ich habe gehört, daß deren Computersystem für die Kartenvorbestellung gecrasht ist. Wird bestimmt nett.

Erstellt am 13.11.2000. Letzte Änderung am 22.07.2001.

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