Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Brechmittel fürs Gehör

In der Nacht vom 23.08.2003 und 24.08.2003 geschah etwas Schreckliches: Schwer bewaffnete, maskierte Männer in langen, schwulen Ledertränschkots drangen gewaltsam in das unscheinbare Gebäude der Brachwitzer Straße Numero 16 in Halle an der Saale ein, überwältigten das dort ansässige Wartungsteam der Bandabspielanlagen und geißelten sie qualvoll. Gleichzeitig brachen Team zwo und D in die Privatwohnungen zweier bis dahin unscheinbarer Radiomoderatoren ein und machen sie sich mit Gehirnwäsche gefügig.

In einem Laster werden sämtliche Logos, Plakate, Werbeartikel etc. aus der Brachwitzer Straße Numero 16 zusammen mit den Bändern ... äh ... sorry, falsches Jahrhundert: den Festplatten der Abspielgeräte eingeladen und zwecks Entsorgung zur nahe gelegenden Müllkippe gebracht.

Während die Gehirnwäsche noch andauert, beliefert Team VI die Brachwitzer Straße mit acht Tonnen Brittneh-Schpierß- und Bro'sis-Mörtschndaising-Artikeln sowie einem eigenen zwecks dafür eingekauften Team von Technikern, die jedes auch nur annähernd unkommerziell anwidernd anmutende Liedstück aus dem Speicher der Abspielliste unwiderruflich vernichteten.

0:00 Uhr. Es ist geschafft! Aus "Mad Dog, die Morgenlatte" wird Sascha Polzin und aus Marnie wird ... Marnie, aber irgendwie anders.

In etwa so muß es wohl abgelaufen sein, als RTL beschloß, einer halben Million Zuhörern den Saft abzudrehen und aus dem Sender "Project 89.0 Digital" das gar einfallsreich benamste "89.0 RTL" zu machen. Die Geißel kehrt also auf den Äther des Verderbens zurück, und dem abtrünnigen Sender wurde endgültig der Garaus gemacht.

Daß dieses Prodschegt eben nur Protscheckt hieß, weil das Prodjch.. Verzeichnung, Projekt halt von vornherein genau zwei Jahre, vier Monate und zwanzig Tage dauern sollte, erscheint nachvollziehbar. Geht ja allein aus dem Namen schon hervor, daß das für 872 Tage gedacht war:

Die Summe der Stellen der Buchstaben P, R, O, J, E, C und T im Alphabet (87) hat als Quersumme 15. Und die Quersumme von 15 ist 6. Und die Quersumme von 872 minus 89 (18, also 9) ist auch 6, bloß auf dem Kopf. Und 872 durch 89.0 ist schließlich, in Hex gerechnet, F, also wieder 15. Und die Quersumme von 15 ist immer noch 6. Wir sehen: Project 89.0 war also so gut wie beinahe genau 666. Und was das heißt, weiß der Teufel.

Und das mit der Innovation und der Mitbestimmung der Zuhörer war selbstverständlich nur ein Witz – auf Kosten der Leute, die hofften, endlich mal die Frequenz wechseln zu können. Wenigstens haben die richtigen darüber herzlich gelacht.

Nun gut. Alles wirkte schon ein bißchen merkwürdig. Da gab es diese Abspielbänder, die billigen Moderatoren, die noch billigeren Praktikanten und nicht zu vergessen, die billigsten Aktionen. Was auch immer von diesen Leuten zu erwarten war: Es war nicht teuer.

Und so läßt sich einfach argumentieren, daß der Sender einfach nicht rentabel war. Wie auch? Mit Abspielbändern hält man allenfalls Metallisten und Grantschisten bei der Stange, aber nicht das zahlungskräftige Zielpublikum zwischen acht und fünfzehn, auf das man einen Sender, soll er Erfolg haben, nun mal auszurichten hat. Okay, die Träila mögen für Unerfahrene noch etwas neues zu entdecken geben. Einen Sponsoren locken diese Aussichten aber nun mal nicht an. So kam es, wie es kommen mußte: Der gewaltige Tritt in den Arsch der Mäinstriehm-Verweigerer wurde fällig. J. Biedermann, Daniel K. und Axel F. ... ähh ... Alex *überleg* X (32) leiteten ihn schwungvoll ein.

Bizarr ist nur das Ergebnis der Gehirnwäsche: Sascha liebt plötzlich Popmusik und Marnie kann nur noch nachts moderieren. Wie schon der Volksmund wußte: weß Brot ich eß, des Lied ich krächz. Was aber aus der im Dixieklo eingesperrten "Zonen-Elli" geworden ist, wird wohl nur das Sozialamt oder die Sondermülldeponie zu berichten wissen.

Für mich ist der Umstand, daß neben den 19 anderen Brechmittelsendern ein zwanzigster hinzukommt, weniger tragisch. Im Gegenteil: Meine Lichtmaschine hält dadurch sogar länger, und endlich höre ich auf der Heimfahrt wieder das sanfte Wimmern des Reifenprofils und das subtile Brüllen aus dem Maschinenraum. Ja, mehr noch: ich kann eindeutig sagen, dieses schrille Jaulen kommt nicht aus dem Radio, nein, das muß wirklich ein Protestgetön aus dem Getriebe sein, und dieses komische Rumpeln ist auch mit Sicherheit keine Bäihsdramm, sondern wohl doch der Auspuff. Hach -- welch anmutiger Ton zur Feierabendzeit!

Findet jedenfalls
  Euer Dieter Schlabonski.


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Erstellt am 27.08.2003
Letzte Änderung am 13.05.2004 21:29 (CEST)
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