Reality

Es ist mal wieder Manic Friday. Hubert L. aus K. fährt in seinem neuem Mercedes C 220 CDI mit gemütlichen 210 Sachen über die überfüllte Autobahn. Aus heiterem Himmel taucht vor Hubert L. aus K., der gerade seine Nase auf Tiefbohrfähigkeit testet, um den heutigen Geschmack zu ermitteln, eine Baustelle nebst Stau auf. Das letzte Mittel, Finger raus, lenken und beten, hilft. Der Wagen gleitet in elegantem Flug lustvoll schreiend gegen den Erdwall neben der Fahrbahn. Dieser demonstriert mit einem dumpfen Knall seine Ignoranz gegenüber Protz-Karossen mit verklebter Frontscheibe und Einarmwischer.

Hubert L. aus K. spuckt Blut, doch er hat Glück. Just in dem kurzen Moment des Erwachens aus der verschwommenen Welt des Fieberphantasierens hat sich bereits ein Kamerateam des privaten Satelitenfernsehens zu dem vor sich hinwinselnden und -blutenden Geschäftsmann vorgearbeitet. Das Objektiv abwechselnd auf die Blutlache und diese ominös emporsteigende Rauchwolke aus dem Vorderteil des Wracks gerichtet, wird alles in Wort und Bild für die nach Sensationen geifernde Nachwelt und die Videothek festgehalten.

Hinter dem Kamerateam sind die anderen Verkehrsteilnehmer ausgestiegen, um ihre Viedokameras und Fotoapparate aus dem Urlaubsgepäck oder aus dem mit einem Schleimfilm überzogenen Berg fleckiger Pornoheftchen zu kramen. Kommentare wie "Aber zieh Dir was Warmes an!" oder "Kuckt da nicht so hin, Kinder, das könnt ihr alles nachher zu Hause sehen" bestimmen die Szenerie.

Karl F. aus M. hat sich mittlerweile mit seiner Profikamera im 16:9-Bildformat und der linken Hand in der Hose zur Beifahrerseite vorgearbeitet, um dem Verletzten beizustehen. Die Menschenmenge hat das Fahrzeug begeistert umkreist. Karl F. aus M. testet die Zentralverriegelung. Glück gehabt, die Tür geht auf und Karl klettert hinein. Angela F. aus G. dokumentiert die hautnahe journalistische Recherche, nachdem sie ihre Maniküre ein wenig aufgefrischt hat, denn im Fernsehen zählen nur Gewalt, Sex und geile Bilder.

Die Menge stellt sich auf ein gemütliches Camping mit Bier und Butterbrot ein. Doch sie haben Glück. Ein Imbißwagen hält vor dem Wrack, just in dem Moment, als Hubert L. aus K. hilferufend aus dem Auto klettern wollte, und beginnt, der nach Leid und Sensation japsenden Meute lauwarme Highway Hot Dogs zum Schleuderpreis von 7,80 zu verkaufen. Nur einige wenige protestieren angesichts der unsensiblen Art des Imbißverkäufers - nimmt er ihnen doch die gute Sicht auf das bizarr verformte, traurig vor sich hin tröpfelnde, schwelende Metallknäuel im Erdwall.

Hubert L. aus K. hat Probleme. Seine Beine sind eingequetscht, die Knochen schauen anmutig heraus, und der Fahrer des Imbißwagens entsorgt gerade seine verdorbenen Würste vom Vorjahr durch die geborstene Seitenscheibe. Karl F. aus M. versucht gerade, diese wahrlich erschütternden Momente mit seinen Bildern zu belegen, als er etwas Heißes an seinem Schritt fühlt. Loderne Flammen schlagen aus dem Handschuhfach, als er dieses neugierig öffnet und damit dem Brandherd eine Extraportion Sauerstoff zuführt. Was folgt, ist ein befriedigendes "Wooosh".

Mit brennender Hose und lodernen Haaren klettert Karl F. schreiend aus dem betriebsamen Hochofen, der seine noch vor kurzem betriebsbereit scheinenden Fruchtnüsse in zwei kleine glühende Briketts verwandelt hat. Puh! Gerade noch rechtzeitig, bevor die Wucht der filmreifen Explosion alle Umstehenden mit scharfkantigen Metallteilen bis zum Abwinken versorgt. Hubert L. aus K. hat damit wenige Probleme. Bei ihm dauerte es nicht lange.

Angela F. aus G. wird vor laufender Kamera von einer Wolke aus Feuer, Benzin und glühenden Pappschalen des Hot-Dog-Standes kosmetisch gerichtet. Immerhin überleben die Kolibakterien, die zuvor auf letzteren heimisch gewesen waren, diese Temperaturschwankung nicht. Glück muß der Mensch haben.

Schnitt! Der richtige Moment für eine Werbepause.

Angela F. aus G. hatte fürwahr Glück: Bevor das Inferno sie erfassen konnte, wurde sie von einer Autobahnüberwachungskamera beobachtet, die die Situation detailliert und in Nahaufnahme aufzeichnen konnte, um diese dann für teures Geld an billige Sender verscherbeln zu können.

Hubert L. aus K. hat es nicht geschafft. Als die Notärzte eine Dreiviertelstunde später gerufen wurden, war von ihm nicht mehr viel übrig. Karl F. aus M. ist nun impotent und darob berufsunfähig und lebt seit dem Arbeitsausfall unter einer hübschen Brücke, um sich dort von Skins regelmäßig eine kostenlose Kieferkorrektur machen zu lassen. Angela F. aus G. bekam für ihre buchstäblich hautnahe und objektive journalistische Arbeit den "Goldenen Bären" und moderiert nun Talk-Sendungen zu dem Thema: "Ist Bratwurst wirklich gefährlich?". Ihre Gesichtsveränderung hat zu diesem Thema wirklich viel beigetragen.

Nichts ist schöner als die Wirklichkeit.

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