Die Computerrevolution

Viel ist geschehen in den letzten zehn Jahren. "Dreißig" klingt als Altersangabe gar nicht mehr so grausam, "Golf" als Antwort auf die Frage nach dem fahrbaren Untersatz auch nicht, selbst Ex-Freundinnen vermehren sich inzwischen, und irgendwie uns kommt das alles erschreckenderweise ganz normal vor. Wir werden erwachsen. Verdammt.

Und die Netze? Die werden leider auch erwachsen. Mailboxen sind klinisch tot; das WWW hat sich vom ernstzunehmenden Netz wissenschaftlicher Server zu einem riesigen kommerzialisierten Berg von Schrott entwickelt, zu dem ich hier nur einen bescheidenen Beitrag leisten kann; die Kapazitäten der Hardware sind um drei- bis vierstellige Faktoren gewachsen; E-Mail wird mehr genutzt als Briefpost; vor allem aber verschwendet die Bevölkerung schon mehr Zeit durch Absturz als im Stau.

Und es nimmt kein Ende. Selbst wenn man der Werbung nicht uneingeschränkt vertraut, die einem da einzuhämmern sucht, ein neuer Penziumm-Drei-Prozessor werde völlig neue Internet-Erlebnisse bringen, obwohl sein einzig denkbarer Effekt das Erlebnis ist, wenn die Bullen an die Tür klopfen, weil das Winzigweich-Imperium unter Zuhilfenahme dessen Seriennummer und einiger fehlzertifizerter Aktiv-X-Kontollen festgestellt hat, daß man mal vor dreieinhalb Jahren 'ne dezentrale Sicherheitskopie von MS-Wort auf der Platte hatte.

Nein, allenthalben sprießen neue, einfallsreiche Anwendungen der reichlich erhältlichen Rechenleistung aus dem Boden. Videoschnitt bleistiftsweise, nühühaha, da kann man sich ein gar ergötzliches Best-of seiner Fickelvideos zusammenbasteln, ohne die störende Handlung dazwischen, während die Gattin denkt, daß das Urlaubsfilmchen mit den 42 verschiedenen tollen Überblendeffekten nebst 3-D-Untertiteln monatelanger Arbeit bedürfe und einen dieserhalb mit Abwasch etc. in Frieden läßt.

Was ist dagegen schon die DTP-Revolution des vorigen Jahrzehnts? Statt simpler Flugblätter mit 41 Schriftschnitten in 17 Farben kann man die Mitmenschen doch mit audiovisuellen Werken viel effektiver quälen. Das allein rechtfertigt schon die Anschaffung allerneuester Multimedia-Technologie.

Die sprichwörtliche Geschmacklosigkeit des gemeinen Anwenders auf den ungebrochenen Trend der Hardwareentwicklung hochrechnend, dräuen mir gar schauderliche Visionen von genauso lieblos zusammengestoppelten 3-D-Welten, die, anstatt der heutigen Homepages, mir schon bald aus der World-Wide-Würg-Betrachtungssoftware entgegenspringen werden. Das Problem dabei ist, daß man im Rechner 3-D-Welten viel einfacher geschmacklos machen kann als den eigenen Garten, andererseits aber mit 3-D den geschmacksbewußten Besucher viel einfacher in den Wahnsinn treiben kann als mit den oben erwähnten Flugblättern oder Urlaubsvideos oder auch den neulich angesprochenen Machwerken mehr oder weniger musikalischer Natur. Somit ist eine weitere Absenkung des allgemeinen Niveaus, das wir alle schon lange in der Nähe des absoluten Nullpunkts wähnten, um ein bis zwei weitere Größenordnungen absehbar. Und die Fortsetzung folgt. Schließlich möchte man ja auch 2004 noch Penziumm-Acht-CPUs unter die Leute bringen und die völlig veralteten Zelleronns endlich im Elektronikschrott wissen.

Und wenn dann unter www.klempnermeister.de auch Schlabonskis Gas-Wasser-Scheiße-Frickelbude einen eigenen Online-Shop mit 3-D-Modellen zölliger Schieber und Ideal-Standard-Waschbecken ins Web stellt, dann werdet auch Ihr merken, daß die Computerrevolution nur ein weiterer Schritt auf dem Weg in den absoluten Wahnsinn ist. Da bedarf es dann auch gar nicht mehr solcher Seiten wie dieser hier, die in heroischer Selbstaufopferung versuchen, dem Niedergang durch Bloßstellung Einhalt zu gebieten - denn wir wissen: die Realität ist ohnehin durch Sarkasmus nicht zu überbieten.

Schon gar nicht in Schlabonskis Welt.

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