Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Road Rage

Das Leben könnte so schön sein. Sonnenschein, offenes Schiebedach und noch hundert Kilometer bis zum Ziel auf einer ziemlich leeren Autobahn. Mit angenehmen 150 km/h segelst Du an einem Geschwader Fernlastwagen vorbei, als gleichzeitig zwei Dinge eintreten: der Fahrer des rottigen Golf Diesel, der schon seit vier Kilometern hinter dem dritten LKW in der Schlange hergetuckert war, wählt diesen Moment zum Herausziehen, und der Fahrer des 740iL, der eben noch am Horizont war, gehört zu jener Sorte, die glaubt, erst im letzten Moment zu bremsen beschleunige das Vorankommen.

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeek!

Keuch.

Auch wenn's mal wieder ohne Blech- oder schlimmere Schäden abgegangen ist - der Tag ist erstmal im Eimer. Das bubbernde Herzchen ist längst wieder beruhigt, der Golf Diesel fast vergessen und der BMW am anderen Horizont entfleucht; und trotzdem, das Adrenalin hängt immer noch in der Blutbahn rum und wird sauer. Sowas kostet jedesmal wertvolle Lebensminuten, im Extremfall sogar ziemlich viele. Tut sowas denn not, fragst Du Dich.

Freie Fahrt für freie Bürger, klar, das klingt erstmal toll. So richtig schön nach wildem Westen, Abenteuer und ganzen Kerlen. Zu Zeiten, als es hierzulande bloß ein paar Millionen Automobile gab, deren allerschnellste knapp an der 200-Marke kratzten, war das vermutlich auch gar kein so dämliches Prinzip: wen's mit 160 in die Landschaft legte, der fiel, aufgespießt durch Lenksäule oder ähnliches, direkt aus dem Genpool. Vor allem aber war die Chance, daß er auf dem Weg dahin ein paar andere kassiere, wie die Verkehrsdichte: eher gering.

Und heute? Der debile, midlifecrisisgeplagte Manager brät mit 220 ins Heck eines Kompaktwagens und sendet diesen in elegantem Flug über die Mittelleitplanke, hat aber wegen diverser sichtversperrender Luftsäcke nur wenig von dem Anblick. Die Vollkasko zahlt zähneknirschend das 30 PS stärkere Nachfolgemodell, die Krankenkasse den rekonvaleszenzfördernden dreiwöchigen Kuraufenthalt samt Sekräterin und die Firma die abermals gestiegene Kaskoprämie. Der wichtige Mensch selbst zahlt die Beileidskarte an die Witwe des Kompaktwagenfahrers.

Und denn aber nix wie ab auf die Autobahn, verlorene Zeit aufholen.

Wenn diese Sorte Mensch das einzige Problem wär, könntest Du ja locker damit leben. Leider gibt's aber zwischen den Extremen keine Spur und keinen Weg des Entkommens. Entweder rollt man mit den LKWs 90 bis 100 (seltsam, angeblich haben die doch alle Tempobegrenzer?), oder man bleibt am besten gleich links. Falls es eine mittlere Spur gibt, fährt eh keiner rechts außer den estnischen Schrotthaufen, PKW sowieso nicht, das ist doch die Kriechspur, pfui Deibel! Und immer um die anderen Slalom fahren, weil man schneller als 110, aber auch langsamer als 210 fahren möchte, das kostet auf Dauer Nerven. Denn selbst wenn man brav 130 fährt, keine Musik hört und immer schön in alle Spiegel kuckt - eine brenzlige Situation am Tag erlebt man doch fast immer.

Was bleibt also?

Hoffnung auf ein Tempolimit vielleicht. Sicher, auch Schlabonski fährt gern mal 180, wenn alles frei ist - aber ehrlich, für den Sicherheitsgewinn würd ich da locker drauf verzichten. So entspannt wie auf der A2, dreispurig 120, fährt sich's bei dichtem Verkehr auf anderen, unlimitierten Strecken nicht.

Alternativen? Landstraßen. Für Urlaubsreisen und Fahrten mit langsamem Gerät sicher brauchbar als Alternative - die wespenschwarmartig umherflirrenden Motorräder kann man ja weitgehend ignorieren, die finden wie ihre Vorbilder aus der Natur eh immer 'ne Lücke, außerdem sind sie ohnehin schon vorbei, bis man reagieren konnte -, leider sind Landstraßen aber für Fernreisen beruflicher Natur eher ungeeignet. Bahnfahren. Klar, geht aber auch nicht immer, und ist auch nicht immer besonders befriedigend. Und fliegen? Von dem Sprit, den ich als Nichtflieger auf einer Urlaubsreise pro Jahr nicht verballer, kann ich mein Leben lang mit'm Vierzigtonner zur Arbeit fahren.

Hey - das wär doch DIE Alternative! Wo gibt's gebrauchte Sattelschlepper im Tausch gegen Mittelklassewagen? Sooo viel mehr als ein Pajero 3.0 24V verbrauchen die auch nicht, außerdem könnt man da gleich einziehen, die gesparte Miete reicht locker für Steuer und Versicherung, und man muß außerdem auch noch weniger rumfahren, wenn man sein Zuhause dabeihat. Und im Unterschied zum VW-Camper o.ä. nimmt die auch jeder, wirklich jeder wichtige Mensch für voll.

Modernes Nomadentum, aufgezwungen vom Mobilitätswahn der Massen. Wird es soweit kommen? Ich denke ja. Wäre dies sonst Schlabonskis Welt?

Erstellt am 26.07.1999. Letzte Änderung am 14.09.1999.

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