Die Sammelwut

Jäger und Sammler waren wir, so heißt es. Manche sind's noch heute: sie jagen den Häschen nach und sammeln deren Unterwäsche nebst parfümierter Brieflein auf rosa Papier. Der gemeine, "optisch herausgeforderte" deutsche Mann mittleren Alters, dem derlei Aktivitäten auch ehe- und finanzbedingt fremd zu sein haben, verlegt sich zur Befriedigung seines Sammeltriebes auf einfacher zu ergatterndes Gut.

Neben den allgegenwärtigen Bierdeckeln, Zündholzschachteln, Coladosen oder Zuckerstückskens, die immerhin den Vorteil haben, aufgrund ihres geringen Preises und ebensolchen Volumens den Sammelnden nicht sofort in den Ruin zu stürzen, ist praktisch alles des Sammelns würdig. Modelle aller Art, Münzen, Briefmarken u.ä., die klassischen Sammelfelder, befinden sich jedoch auf dem Rückzug; interessanter scheinen schon Telefonkarten zu sein, die ja auch die Hoffnung bergen, mit der zunehmenden Verbreitung des Mobiltelefons in ein paar Jahrzehnten zum begrenzten Sammelgebiet zu werden.

Die Telefonkarte ist aber auch ein hervorragendes Beispiel für selbstwidersprüchliches Sammeln: wenn es genug Sammler gibt, gibt es auch genug Anbieter limitierter Sonderserien, die diese so limitieren, daß nicht jeder Sammler eine abkriegt. Folglich ist keine Sammlung je komplett, und die Preise der raren Stücke schießen gen Unendlich, bis genug merken, daß das Ganze bloß ein "make money fast"-Schema der Hersteller ist, abspringen und sich auf ein anderes Gebiet verlagern - zu dem ihnen der Hersteller alsbald folgen wird.

Daß man mit diesen Telefonkarten nicht telefonieren darf, ist ja selbstverständlich; diese seltsame Einschränkung kennt man ja von den Briefmarken, die entweder "postfrisch" oder gar, obwohl nie zur Bezahlung einer Briefbeförderung gedient habend, mit "Gefälligkeitsstempeln" versehen, gesammelt werden. Gefälligkeit, meine Fresse. Geh mal zu einem Einzelhändler gleich welcher Art und frag ihn, ob er Dir Deinen Gutschein auch ohne Erwerb von Waren entwertet. Das ist keine Gefälligkeit, sondern gesunder Menschenverstand. Komisch, wieso sammelt niemand "gefälligkeitsentwertete" Telefonkarten?

Und was geschieht dann, so fragt man sich, mit solch einer Sammlung? Bestaunt in Vitrinen (leider nur vom Sammler und dessen Leidensgenossen, wohingegen die Familie den Schrott nur abstauben muß), versteckt in Schubladen oder Alben (viiiel zu empfindlich, als daß man sie dem Tageslicht aussetzen könne) oder verschlossen im Safe (damit kein Einbrecher sie mitnimmt, laß ihm lieber die Sparbücher, Geld ist ersetzlich), dämmert sie mit ihrem Eigner einer ungewissen Zukunft entgegen, um nach dessen Tode von den genervten Erben zügig entweder verramscht oder dem Recycling zugeführt zu werden.

Und warum das alles? Was bewegt Menschen dazu, Zeit und Geld in solcherlei Aktivitäten zu investieren, das Gespött der Ahnungslosen und die Gereiztheit der Lieben daheim billigend in Kauf nehmend? Sammeln sei Selbstzweck, so sagt man. Sind Sammler also Masos?

Oder ist das alles nur eine Nebenwirkung des Lebens in Schlabonskis Welt?

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