Immer sauber bleiben

Tja, deutsche Begriffswelt in aller Munde ist ein Fall für sich. aber wenn es den deutschen Begriff (neben dem Unwort "schadstoffarm") gibt, der am häßlichsten die letzten Tage dieses Jahrhunderts (und wer weiß, vielleicht auch die letzten der Menschheit) widerspiegelt, dann ist das die "ethnische Säuberung". Dieser Begriff ist so grenzenlos unschuldig, daß er direkt aus dem Wortschatz von Tante Clementine aus der Waschmittelwerbung entsprungen sein könnte. Und doch verbirgt er einige der erschreckensten und menschenverachtensten Handlungen, die in diesem Jahrhundert traurige Berühmtheit erlangt haben. Mit der Arbeit einer Gebäudereinigungsfirma haben diese freilich wenig zu tun.

Dennoch: Dieser Begriff wird immer wieder gern von Politikern in den Mund genommen und von der Presse mit Betroffenheit in der Stimme weitergewinselt. Und warum? Warum kann man die aktuellen Geschehnisse in einem gar nicht so fernen, ja beunruhigend nahen Land nicht besser und ehrlicher mit Worten wie Massenmord, -vertreibung, -beraubung oder gar als das Ausleben blutrünstiger, sadistischer Phantasien von sogenannten Staatsmännern mit mehr als nur faschistischen Tendenzen bezeichnen? Weil "Ethnische Säuberung" eben so schön intellektuell klingt.

Mit "Das Gebiet wurde ethnisch gesäubert" läßt sich jedoch kein Blumentopf im Wettbewerb für betroffende Anteilnahme gewinnen. Auch dann nicht, wenn man der eigenen Armee die Aufgabe zur "humanitären Hilfe" (schon wieder so ein Begriff) anvertraut, um zumindest der Welt zu zeigen: Schaut her, wir tun doch was gegen "Inhumanität". Daß die "ethnische Säuberung" 50 Jahre nach der Nazi-Zeit die leicht vorbelasteten Worte "beseitigen", "ausmerrrzen", "ausrrradierrren" oder "liquidierrren" ersetzen soll, kann doch nicht die Tatsache verhehlen, daß der Begriff selbst eher vorausschauend und berechnend in die öffentliche Welt geworfen wird.

Niemand traut sich anscheinend, einen Staatspräsidenten, und sei es noch so wahrheitsgemäß, als Faschisten zu bezeichnen. Soviel Ehrfurcht sollte man vor einem Politiker mit diplomatischen Paß schon haben. Vielleicht braucht man ihn ja irgendwann doch mal wieder und mag sich dann nicht vorwerfen lassen, daß man, trotz eines Krieges und trotz hetzerischer Propaganda und Parolen, die einst geächtete Person wieder in die politische Szene integriere. Aus rein wirtschaftlichen Gründen, versteht sich...

Den Menschen, die in ihrer Not und Angst gar nicht mehr wissen, in welche Richtung sie fliehen können, ohne von Freund und Feind als Zielscheiben, Schutzschild oder als militärisches Planungs-Spielzeug mißbraucht zu werden, helfen derlei Vorsichtsmaßnahmen jedoch eher wenig. Die Überlebenden werden sich dann sicherlich bedanken, daß man mit dem Verantwortlichen für Völkermord, Vertreibung, Verschleppung und Ermordung ihrer Angehörigen wieder per Du ist. Hat ja alles seine friedliche Ordnung. Und wenn man dann wider Erwarten von einem weniger heuchlerischen Menschen doch mal direkt gefragt werden sollte, was man als (Schreibtisch-)Täter sich eigentlich bei der Re-Integration des einstigen personifizierten Bösen gedacht habe, wird die Antwort wahrscheinlich sein: "Ach wissen Sie, diese Toten... Das war ja ganz schrecklich für mich, darüber möchte ich jetzt nicht mit Ihnen reden" (siehe Hermann "Meier" Göring). Und außerdem ist das Publikum ja dumm und kurzsichtig, und man hat schon ganz andere Schwierigkeiten ausgesessen worden gesehen.

Zum Glück gibt es ja noch die Presse, die schon aus eigennützig-finanziellen Interessen nicht eher ruhen wird, bis nicht der letzte tote Täter und das letzte überlebende oder verstümmelte Opfer fachgerecht für die Nachrichten verarbeitet wurde. Tote Opfer sind ja schließlich uninteressant, und lebende Täter genießen Verleumdungsschutz. So viel hat sich seit der Entnazifizierung offenbar gar nicht geändert.

Aber bis dahin gibt's sicher noch die eine oder andere Sonderberichterstattung von den "chirurgischen" NATO-"Schlägen" gegen "militärische Einrichtungen". ("Okay, potentielle militärische Einrichtungen. Also gut: Wohnblocks.") Um's mit den Worten eines RTL-Nachtjournal-Moderators in monotoner Stimmlage zu sagen: "...das Morden geht also weiter! Vielen Dank für's Einschalten und eine gute Nacht..."

So ist das in Schlabonskis Welt.

Die "potentiellen miliärischen Einrichtungen" sind geklaut aus "Das Restaurant am Ende des Universums" von Douglas Adams. Da waren's allerdings Bäume, keine Wohnblocks.

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Zugriffe seit dem 21.04.1999

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