Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Schadstoffarm

Wenn es ein Unwort des ausgehenden Jahrhunderts gibt, dann ist es dieses. Was man damit alles verschleiern, verfälschen und ins Gegenteil verkehren kann, ist beachtlich. Da schmeißt Oppa Erwin seinen in Ehren ergrauten, aber noch voll fitten Audi 80 L mit 62.000 Kilometern auf der Uhr in den Schrott und kauft sich 'nen neuen Mondeo, denn der ist ja schadstoffarm. Außerdem tut Ford ja auch was für den Umsatz, äh, sorry, die Umwelt, und gibt ihm noch 3.000 Mark für den "Stinker". Daß der Mondeo drei Liter mehr verbraucht und 'ne halbe Tonne mehr wiegt; daß der Audi noch zehn Jahre gehalten und in der Zeit weniger Dreck gemacht hätte, als die Produktion des Ford; daß es für den Audi sogar Nachrüstkatalysatoren gibt, die aber bei Oppa Erwins 2.000 km im Jahr ökobilanztechnisch gar nicht not tun - alles scheißegal, Oppa Erwin war eine elendige Umweltsau, mit so 'nem alten Teil noch rumzuhühnern, also weg damit. Und bloß nicht in Liebhaberhand, um Gottes Willen, da könnt er ja immer noch stinken! Nein, gleich in die Presse. Oder nach Rumänien, da stinkt's eh.

Und so nehmen die Verkehrsdichte, der Spritkonsum (na denn Prost!) und die Unfallzahlen weiter zu, denn warum soll man denn zu Fuß gehen oder gar (Gott bewahre!) das Fahrrad benutzen - man hat doch einen brandaktuellen GDI-Motor, der sogar schon die Grenzwerte von 2004 erfüllt. Da muß man doch nicht mit der Brötchentüte 500 m durch den Nieselregen! Und damit's schön warm und kuschelig wird, läßt man ihn vor'm Bäcker gleich laufen. Was soll's? Er ist ja schadstoffarm.

Vorbei die Zeiten, als ein kleiner Parkrempler allenfalls eine ebenso kleine Delle in verchromtem Blech hinterließ - heute kostet's gleich eine Plasteschürze, mindestens aber deren Lackierung. Abgesehen vom umsatzsteigernden Effekt für die Autohersteller und -reparateure wage ich mal die Prognose, daß die Müllverbrennungsabgase der zermatschten Plasteteile und die Lösemitteldämpfe der Lackieranlagen nicht spurlos an der Ökobilanz des zusammengeschnappten Lego-Autos vorbeigehen... aber wen interessiert's? Vater Staat kassiert keine Stinkersteuer, auch nicht für neue Plastestoßstangen, und rein ist das Umweltgewissen.

Eigentlich sollte es doch gar nicht so schwer zu verstehen sein: je länger ich etwas benutze, bevor ich es "recycle", desto besser nutze ich die zu seiner Herstellung verbrauchte Umwelt und Energie. Schade, daß man als Hersteller mit Nachrüstkats nicht so viel verdient wie mit neuen Astras - schade für die Umwelt. (Obwohl, Astras? Die rosten doch eh durch, bevor sie "Stinkerstatus" erreichen. Sagen wir eben Gölfe, nimmt sich nicht viel.)

Und was sehen meine entzündeten Augen? Schadstoffarme Geländewagen, mit Dreiliter-Sechszylinder. So interpretiert jeder den Begriff "Dreiliterauto" anders. Und auch wenn ein wirkliches Dreiliterauto was Tolles ist und sicher auch nicht so hirnrissig wie die Idee eines schadstoffarmen Zwölfzylinders - kaufen werden's nur die, die dann damit richtig viel fahren... damit die Ausgabe sich lohnt. Finanziell. Man hat ja noch das Ökodeckmäntelchen. Was mit den ganzen Magnesium- und Plasteteilen, die das Ding zum Gewichtsparen braucht, bei der dann folgenden Verklappung der Karre passiert, ist ja uninteressant.

Ein Blick ins Verkehrsgewühl erinnert mich an eine Horde Lemminge. Nur daß die immerhin ins Verderben laufen. Wir hingegen fahren. Selbstverständlich schadstoffarm.

Willkommen in Schlabonskis Welt.

Erstellt am 15.04.1999. Letzte Änderung am 14.09.1999.

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