Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Schützenfest

Wo Menschen den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, Luftmoleküle zum Transport von krankmachenden Geräuschen im 1..1..1-2-3-Takt mißbraucht werden und Plastikbecher 6,- Pfand kosten, da ist der Hort, an dem der Dorf- und Kleinstadtdeutsche sich beim lustigen Beieinander die Zähne und sonstige Gesundheit mit warmen Bier, kalter Bratwurst und süßer, klebriger Zuckerwatte ruiniert, um sich anschließend bei einer Runde im Riesenrad dieser arschteuer erworbenen Nahrungsmittel wieder tangential zu entledigen: Schützenfest.

Wie diese todbringende Seuche zur Tradition und gleichzeitig Ausdruck deutscher Reinheitskultur wurde, ist nur vage erklärbar. Vermutlich waren es alte Germanen, die 20.000 v.Chr. der Meinung waren, daß ein erlegter Säbelzahntiger debile Fröhlichkeits-Anfälle in Form von Drehen um die eigene Achse, Ertränken der meisten Gehirnfunktionen in heißem Honigwein beim gemeinsamen Trink-Wettkampf mit den Stammesgenossen sowie dämliches Gelaber zur Folge haben muß.

Seitdem hat sich jedenfalls nicht viel geändert. Lediglich die Tiger sind sämtlichen Stammesfesten zum Opfer gefallen (so viele waren es nun auch wieder nicht), und der Mensch der Neuzeit hat dem Chaos die Ordnung in Form von Stechschrittmärschen in dunkelgrüner Uniform mit 3 kg Gebamsel am Kragen und gefürchtetem Rummtata-Marschgepolter aufgezwungen.

Während sich die Großstädter einzig und allein auf die Erhaltung ihres Alkoholspiegels im Blut und das Entleeren ihres Mageninhalts konzentrieren, hat der Dorf- oder Kleinstadtmensch ganz andere Tricks auf Lager, um sich der Aufmerksamkeit sowohl der gebeutelten Mitbewohner als auch der umliegendenden Ortschaften auf die traurige Örtlichkeit, die er sein Zuhause nennt, sicher zu sein. So verwundert es nicht, daß zur Zeit des Schützenfestes sowie drei Tage vor und nach dem derben Trinkgelage die Verkehrsführung durch den Ort beinahe mit der chaotischen Straßenführung einer Großstadt mit Baustelle und Stau konkurrieren kann. Da kann es auch schon mal passieren, daß nach mehrmaligen Abbiegen, Wenden und Verlust der Orientierung ein LKW mit verderblicher Ware irgendwo im Bewässerungsgraben eines Feldweges versinkt.

Wie krank die deutsche Selbstdarstellung aber wirklich ist, zeigt sich erst beim Marsch des Schützenvereins durch die Hauptstraße, wobei diese meist die einzige asphaltierte Straße im Ort ist. Da laufen dann in monatelang geübten Viererreihen die stolzen Recken mit ihren Holzgewehren, die vorsorglich mit diversen Utensilien, wie Blumen, Vereinswimpel oder Bajonett in der Mündung geladen wurden, in vorgegebenen Takt vom Schützenhaus zum alten Schützenkönig und der noch älteren Schützenkönigin, um später dann von dort, bereits deutlich angetrunken, zum neuen Schützenkönig und dessen meist trotzdem nicht besonders junger Schützenkönigin zu marschieren, die die gesamte Horde mit weiteren Flachmännern, Retterspitz und diversen Resten aus alten Lackdosen zu versorgen haben, um schließlich gemeinsam, gröhlend und wankend, irgendwann gegen Mittag im Bierzelt aufzuschlagen. Geschafft...

Als sei das nicht genug der Bedrohung, sind diese Auswüchse unkontrollierbaren Gemeinschaftsgefühls in Kleinstädten dann auch noch mehrfach ausgeprägt. Häufig auch als "Freischießen" oder "Rummel" getarnt, eifern so mehrere Schützenvereine um die Wette. Wer zuletzt noch übrigblieb und den Kopf noch über der Holzplatte des Klapptisches hatte, weiß später allerdings keiner mehr. Und erst nach zwei Wochen kommt den weiblichen Teilnehmern die Erinnerung an den nahen Verwandten oder den Vater des Freundes, von dem man während der Feierlichkeiten halb drei Uhr morgens im Bierzelt geschwängert wurde, langsam wieder hoch. Schade auch, daß der stolze Vater sich an nichts mehr erinnern kann - aber woher auch? Ist doch alles jahrzehntelange Routine. Außerdem kann nur so der Nachwuchs des Schützenvereins gesichert werden: schließlich macht Inzucht debil, und Debilität ist eine Aufnahmevoraussetzung.

Die Zivilbevölkerung, also die Minderheit, die dem grausigen Treiben eher fern bleiben möchte, muß stets befürchten, von einem Nachbarn zur Teilnahme freundlich aufgefordert zu werden, wenn man nicht den Auschluß aus der Dorfgemeinschaft oder einen "unlöschbaren" Hausbrand befürchten will. Damit auch keine Ausrede wie "Ich muß auf die Kinder aufpassen!" als Argument gewertet werden kann, wurden extra Karussell, Geisterbahn und Schießbude strategisch clever um das Bierzeit herum aufgestellt. Daß die Kinder dann trotzdem flennen, weil sie nicht fahren dürfen, ist bereits dadurch vorprogrammiert, daß die Fahrt allein schon zehn Mark kostet. Nicht zu vergessen, daß die niedrigen Preise für Alkoholika von den Einnahmen für Cola, Brause, Wasser und Säfte allein nicht kompensiert werden können.

Hat ein Ort dann das Fest endlich überstanden und die drei Tage später entdeckten Leichen aus dem Bierzelt geborgen, könnte man zumindest für dieses Jahr einigermaßen sicher weiterleben - gäbe es da nicht noch die Nachbarorte. In weiser Voraussicht und mit dem Grundgedanken "Wir können das aber viel besser und heftiger" werden die Termine selten so angelegt, als daß sie sich überschneiden könnten. Das führt dann auch zum Dauerkapmftrinken und zwanghafter deutscher Fröhlichkeit von Anfang Juni bis Ende August, wenn Arzttermine keinen Strich durch die Milchmädchenrechnung machen - und so lange dauert schließlich auch kein strategisch in diese Zeit gelegter Urlaub. "Irgendwann kriegen wir Euch!"

"Zuhause sein in Deutschland: Schützengraben Schützenfest." (Heinz Rudolf Kunze)

Willkommen in Schlabonskis Welt.

Erstellt am 14.07.1999. Letzte Änderung am 14.09.1999.

Schlabonskis Welt:
Site Meter
Für Statistik auf den Counter klicken!