A little bit of Schwachsinn

Na, hängt Euch der diesjährige Mega-Super-Duper-Sommerhit auch schon zum Hals raus? Seltsam - dabei ist er doch weder besonders vertekknisiert noch allzu kitschig. Trotzdem, beim Refrain (falls man das zusammenhanglose Geraller so nennen möchte) dreht sich doch jedem durch Horrorfilme einschlägig vorbelasteten Zuhörer der Magen um. Hier wird ein Frankensteinsches Rezept wieder aufgelegt: ein kleines bißchen Sandra (rupf), ein kleines bißchen Rita (tschack), ein kleines bißchen Erika (fräs) ... WÜRG ... und als Krönung: "A little bit of you makes me your man".

Iiek!

Ein kleines bißchen von mir? Nix da, gibt's nich! Von mir aus viel Spaß beim Leichenpuzzeln, aber ich behalte meine sämtlichen Bits lieber für mich. Vor allem weiß ich genau, um welches Bit es geht, schließlich sind die anderen Ersatzteilspender alles Fraunsleut. Grusel...

Unterdessen verklingen die weinerlichen Stimmchen der enttäuschten Teenies und kleineren Mädchen - "Elloy hat Steven gepoppt, sonst wäre der nie schwul geworden!" - "Nein! Umgekehrt war's!" - nach dem Gayzone-Debakel langsam wieder, und die nächsten Skandale holen schon mal Luft für den letzten Herbst in dem, was all jene, die nicht rechnen können, für dieses Jahrhundert halten.

Die neue Vielfalt von Radio Antje wird inzwischen auch wieder einfältiger und verliert langsam den einzigen Vorteil, den sie jemals hatte: daß man sicher sein konnte, denselben Scheiß wenigstens heute nicht nochmal hören zu müssen. Wär ja auch zu schön gewesen.

Was ist sonst noch passiert?

Finster wurd's und wieder helle, als 'ne Wolke blitzeschnelle sich zeitig vor die Sonne schob. Noch ein Jahrhundertereignis für den Arsch, genau wie der Microschrott-Prozeß, der vermutlich auch wieder im Sande versickern wird wie eine übermütige Sturmflut angesichts der Kreidefelsen von Dover. Wieder anständig beleuchtet, bläht uns das Sommerloch in all seiner Scheußlichkeit mitten ins Gesicht - und das Ding müffelt! Bäh!

Natürlich gibt's ein paar "Medienevents", klar, in der Automobilbranche etwa: der Dreiliterlupo zum Beispiel wird nun ausgeliefert, fährt sogar besser als der smart, verbraucht je nach Gesinnung und Gasfuß des Testers zwischen 2,8 und 6,5 Liter und wird wie erwartet nicht in nennenswerten Stückzahlen gekauft - was wunder, für das Geld gibt's doch auch schon einen neuen Astra oder einen Mondeo-Jahreswagen, und der macht mehr her vorm Kindergarten, wenn Mami die Blagen abholen kommt. Dafür kommt bald der dritte deutsche Zwölfzylinder, und natürlich der Dreilitergolf mit 204 PS und Allradantrieb - ist ja auch wichtiger. Opel verkauft die letzten crashlabilen Sintras und lacht sich ins Fäustchen, weil man sie als Chevy getarnt hier viel teurer verkaufen kann. Chrysler muß die crashlabilen Voyagers notgedrungen unter eigenem Namen weiter anbieten, weil man weder im eigenen Programm noch in dem von Mama Benz passenden Ersatz hat und nicht extra deswegen Renault kaufen mag. Und Mama Benz hat jetzt Blinker in den Außenspiegeln. Sensationell. Gähn.

Die pressewirksame Unfallserie der Bahn-AG ist - aus Sicht des Blätterwaldes leider - auch wieder abgerissen, und den kräftigen Rempler in Indien vermag selbst BLÖD nicht ohne weiteres in Angst und damit Auflage umzubauen. Flugzeuge bleiben auch zur Abwechslung mal, wo sie sind. 100 km lange Staus von Sonnenfinsternisanbetern lassen sich ebenfalls nicht tagelang ausschlachten, und die Forderung der EU-Kommission nach einem Werbeverbot für Autos über 1,5 Liter hat offenbar niemand wirklich ernstgenommen.

Und selbst die EDV, sonst immer für 'ne Story gut, schwächelt: Waih-Tu-Käi hat Panikpause, Dabbeljuh-Tu-Käi hat Verspätung (und wer hätte das erwartet?), niemand interessiert sich für die neuesten zusätzlichen dreißig Megahertz, Aldi hat im Moment auch keine Computer; nur Linux läuft jetzt auf dem IA64, dem neuen Intel-Prozessor, den's eigentlich noch gar nicht gibt - aber Linux läuft ja eh auf jedem Gerät, das 1 und 0 unterscheiden kann, das ist also auch nix Besonderes. Irgendwie nix Spannendes los im Tal der Silikonbrüste.

Und so plätschert die Medienwelt leise den Bach runter. Selbst brauchbare Themen sind mittlerweile etwas überreizt. Allen voran die Nahrungsmittelskandale: sie lösen einander nicht mehr einfach ab, sie werden ansatzlos ineinander übergeblendet, und man wird nicht mal mehr richtig wach, wenn man von kuhscheißekontaminiertem Hühnerfutter im Radio hört, oder was auch immer es diesmal wieder gewesen sein mag. Ernährungsbewußte stellen sich darauf um, niemals das gleiche Gericht öfter als einmal pro Monat zu sich zu nehmen, um so wenigstens das Risiko der Giftakkumulation zu minimieren. Andere zucken mit den Schultern und stellen das Nichtrauchen ein, denn bei den Schadstoffmengen ist es ja eh egal.

"Fin de siècle" nennt diese Stimmung, wem "no future" zu gewöhnlich klingt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, daß das dräuende Ende des Jahrhunderts nur als Ausrede dient, um den gallopierenden Zusammenbruch nicht anderweitig erklären zu müssen.

Denn wirklich ändern wird sich auch im Januar 2001 vermutlich, wie immer, nichts.

Schließlich leben wir in Schlabonskis Welt.

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