Seid nett zueinander

Betroffenheit befohlen bei Stern-Tehvau auf Satt-Eins: die Kindermörder sind unter uns. Eingeschlossen in Autos, die in der prallen Sonne parkend zügig eine backofenähnliche Atmosphäre entwickeln, oder auch gleich im Backofen verbrannt; in der Gefriertruhe zwischengelagert oder gleich über den Hausmüll entsorgt; oder auch einfach in der Wohnung allein und verhungern gelassen, so haben im letzten Monat einige Bürger dieses unseren Landes sich ihres Nachwuchses entledigt.

Nicht die feine Art, das gebe ich zu. Und die Täter gewähren zu lassen, ist trotz geringer Begeisterung für Teppichratten nicht mein Anliegen.

Was mir allerdings, wie meist, auf den Keks geht, ist die Berichterstattung der Medien. Da glotzt ein Herr Jauch, über dessen Namen Witze zu reißen ich mir bewußt verkneifen muß, betroffen bis geschockt in die Kamera und fragt uns: "Was bewegt Menschen, so etwas zu tun?" Na was wohl: die Gören werden mal wieder rumgenervt haben. Das ist keine Rechtfertigung, natürlich nicht - aber wer von uns, Hand aufs Herz, hat noch nie in Wut etwas getan, was er von sich vorher nie geglaubt hätte?

Menschen, die so etwas getan haben, verdienen und brauchen nicht unseren Haß, sondern unsere Hilfe. Idealerweise natürlich, bevor jemand zu Schaden kommt.

Aber uns jetzt auf die höhere Warte zu stellen und zu tönen, diese "Unmenschen" gehörten weggesperrt oder Schlimmeres, das steht uns nicht gut zu Gesicht. Denn vergleichbares und schlimmeres Leid als diesen paar Kindern wird in diesem und jedem anderen Land jeden Tag Tausenden anderer Lebewesen zugemutet. Das Huhn, das sein Leben auf einem DIN-A-4-Blatt mit einem Drahtkäfig drumrum fristet; das Schwein, das tagelang ohne Wasser im LKW durch Europa gekarrt wird; der Singvogel, der in unserem südlichen Urlaubsland den Jägern ins Netz geht - leiden die weniger als die Opfer der "Unmenschen"?

Und regt sich da jemand drüber auf?

Stern-Tehvau macht einen Test. Man stellt einen schwarzen Mercedes in die Fußgängerzone, schreiende Babyattrappe auf dem Rücksitz inclusive, und interviewt die Vorbeigehenden, warum sie denn nicht eingegriffen hätten. Ja toll - schon mal an 'nem parkenden Mercedes S die Tür geöffnet? Die dann unter Garantie losbrüllende Alarmanlage wäre für die zarten Babyohren sicher auch nicht ideal.

Mein Vorschlag: Gegenprobe! Man parke einen 40-Tonner, vollbeladen mit "Nutztieren" gleich welcher Art, die um ihr Leben winseln, an einem schönen, warmen Sommertag auf einer belebten Autobahnraststätte und interviewe die anderen Rastenden, warum sie dort nicht einschritten.

Prognose: Letztlich werden die Antworten ähnlich sein. Denn letztlich geht's uns genauso viel oder wenig an, ob jemand Kinder oder Hausschweine langsam zu Tode quält. Und letztlich riskieren wir mit unserem Einschreiten Vergleichbares: ob die Maulschelle nun vom entzürnten Benzfahrer oder vom König der Landstraße kommt, ist dem Empfänger sicher auch vergleichsweise gleichgültig.

Da hält man sich doch lieber raus und tut so, als habe man nichts gesehen oder gehört, gell?

Der eigentliche Skandal ist jedoch, daß der LKW-Fahrer außer 'ner Geldbuße nichts zu befürchten hat, während die Eltern eines solcherart ums Leben gekommenen Kindes in den Bau gehen. Welches Strafmaß der Skandal ist, sei dem Leser überlassen - daß sie aber einander angeglichen gehören, darüber sind wir uns doch einig, oder?

Denkt mal drüber nach, wenn Ihr das nächste Mal bei Real Euch über ein alleingelassenes Kind im Auto aufregt, bevor Ihr reingeht und diese leckeren Schnitzel aus dem Sonderangebot kauft. Nee, ich schließ mich da gar nicht aus, ich bin weder Vegetarier noch übermäßig zivilcouragiert - ich bin auch nur ein Kind dieser Welt.

Logisch - es ist ja auch meine: willkommen in Schlabonskis Welt. Auch in Zukunft nicht immer so böse und ernst wie heute, versprochen!

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