Siebzehn Preissenkungen. Einhundertundvier Hinweisschilder auf Preissenkungen. Dreiundsechzig Preiserhöhungen. Null Hinweisschilder auf Preiserhöhungen. Siebenundzwanzig verlorene Kinder in der Spiel- und Sabberecke. Vierzehn Karambolagen auf dem Kundenparkplatz. Ein Todesfall durch Herzversagen hinter einer Rentnerin in der Schlange vor Kasse Elf. Neun Verletzte nach Schlägereien um das jeweils letzte Exemplar heruntergesetzter Ware, davon acht in der Abteilung Damenschuhe. Fünfunddreißig gemeldete Autoeinbrüche auf dem Kundenparkplatz. Neunzehn Morddrohungen gegen die Kassiererin an der Nurfünfartikelschnellkasse Drei. Vier Fälle von Salmonellen- und acht von Fischvergiftung an den entsprechenden Probiertheken.
Mit anderen Worten: Ein ganz normaler Tag im “regal,-”-Markt Hecklenbroich-Würmhausen. Nur eins ist anders: Heute installiert ein Mitarbeiter der Firma S.I.E.M.E.N.S. GmbH & Co. K.G.a.A. die lang erwartete Version 6.6.6. der hauseigenen Kassensoftware “Winnkäsch” auf der noch recht jungen Kommpjuter-Kassenanlage, weil die dereinst mitgelieferte Version 6.6.4. ja inzwischen hoffnungslos veraltet sei.
11:43 Uhr: Die Rentnerin Marieluise Dünnfiph besteht an Kasse Neun lautstark darauf, die Rolle Harzer Käses der Hausmarke “TICK” für die am Regal angeschriebenen 65 Cent zu bekommen und nicht für die vom Kassensystem fälschlich ausgewiesenen 49 Cent. Daß sie damit sich selbst um 14 Cent übervorteilt hat, bemerkt sie zu spät. Daß sie damit einen der größten Skandale in der Geschichte des Einzelhandels ausgelöst hat, bemerkt sie nie.
18:55 Uhr: Der Geselle Martin Klobfuß, von der Geschäftsleitung eiligst mit einer Überprüfung der Kassenunterlagen beauftragt, stellt fest, daß seit dem 24.07. insgesamt 166 Artikel für je einen Tag von der Kassenanlage zu einem offenbar zufälligen, immer jedoch geringeren Preis als ausgezeichnet verbucht wurden. Am bittersten war das bei den 9.1-Dollbie-Serraunt-Rießiewern samt Bocksenßätts der taiwanesischen Firma “Bummbastiq”, welche am 2.10. für je 29,95 statt 239,99 Euro weggingen. So gesehen kein Wunder, daß die Lieferung von 548 Stück schon gegen 14:00 ausverkauft war. Der Gesamtschaden aus allen Preisirrtümern beläuft sich auf knapp 320.000 Euro.
Der eilig bestellte Techniker der Firma S.I.E.M.E.N.S. (”Sicher ist eines: man erhält nur Scheiße”) erklärt nach mehrstündiger Trance vor der Männätschmänt-Konsole des Kassensystems, da könne er nix machen, aber er werde einige Kollegen vorbeischicken, läßt sich den Reisekostennachweis abzeichnen und fährt unverrichteter Dinge wieder fort in seinem Ford.
Jetzt aber. Ein schwarzer Kleinbus mit dezenten S.I.E.M.E.N.S.-Aufklebern rollt gegen halb zehn auf den Parkplatz, parkt hochwichtig in der Ladezone und entläßt eine Ladung kreidebleicher Techniker in den Markt, wo sie sofort nach der Frühstückspause mit der Fehlersuche beginnen.
Ein schwarzer Kleinbus mit dezenten S.I.E.M.E.N.S.-Aufklebern wird per Abschleppwagen aus der Ladezone entfernt, wo er seit Tagen den LKW-Verkehr behindert und Knöllchen sammelt.
Eine Anfrage der Marktleitung bei S.I.E.M.E.N.S., wo denn die versprochenen Techniker blieben, führt nach mehreren zunehmend unfreundlichen und -gläubigen Telefonaten zu der Entdeckung, daß selbige schon seit nunmehr rund zwei Wochen da sind. Die somit in dieser Zeit aufgelaufenen rund 120.000 EUR an Technikervergütung (Stundensatz 200 EUR, 10 h/Tag, 6 Mann, 10 Tage) sind zwar auch ärgerlich, verblassen aber vor der Tatsache, daß sie a) nix gebracht haben und b) gestern knapp dreihundert Plasma-Fernseher für 3,99 statt 649,90 EUR verkauft worden sind.
Die Marktleitung hat auf das jüngste Debakel sofort reagiert und verkündet eine generelle Preiserhöhung um 10% zur Kompensation allfälliger Gewinnausfälle.
Die Quartalszahlen werden intern veröffentlicht: 13% Umsatzanstieg, -63% Gewinnanstieg. Die Börse wird nach einer unerklärlichen Leckage von Information erstmals aufmerksam, der “regal,-”-Aktienkurs schnellt in Minuten um rund 16% hoch. Bei einer eilig einberufenen Sitzung des Aufsichtsrats erklärt dessen Vorsitzender überraschend seinen Rücktritt angesichts der Probleme und übernimmt als Entscheidungsträger für die Beauftragung der Firma S.I.E.M.E.N.S. (”So ist es meistens eigentlich nicht sinnvoll”) die volle Verantwortung. Nach einem längeren Moment schockierten Schweigens brandet schallendes Gelächter auf, und der Mann erhält für den gelungenen Scherz eine Sonderzahlung ion Höhe von 100.000 EUR.
Da nach wie vor keine Lösung der Problematik in Sicht ist, werden die Konkurrenzunternehmen I.B.M. (”Immerhin Besser, Manchmal”), S.A.P. (”Sicherlich Auch Probleme”) und H.U.P. (”Hauptsache Ungefähr Paßt’s”) um Angebote für eine neue Kassensoftware angegangen.
Gelegentliche Berichte über hohlwangige, ausgemergelte Gestalten in verschmutzten S.I.E.M.E.N.S.-Overalls, die angeblich in diversen Kabelkanälen und Luftschächten, hinter Regalen vor allem in der Haushaltsplast-Abteilung und auf Damentoiletten gesehen worden sein sollen, werden von der Marktleitung energisch ins Reich der Fabel verwiesen. Schließlich sei zuletzt am 14.09.2005 ein Arbeitszeitnachweis für S.I.E.M.E.N.S. gestempelt worden.
Der vom stellvertretenden Marktleiter Hans-Joachim Schlihsmußgell höchstpersönlich ausgedachte Lösungsansatz wird mit sofortiger Wirkung in die Tat umgesetzt: 300 Hartz-IV-Empfänger erhalten 1-EUR-Jobs als Testkäufer. Sie müssen sich die Preisauszeichnung am Regal notieren, den Artikel kaufen (und mit von der Marktleitung beschafften Visa-Karten bezahlen) und dann ausgezeichnete und gebuchte Preise vergleichen. So erkannte zu billige Waren werden bei zu hohem Verlust sofort ausgelistet und bis zum nächsten Tag auf Lager gelegt.
Der Vorteil dieser Lösung ist neben ihrer verglichen mit S.I.E.M.E.N.S.-Technikern extrem hohen Kosteneffektivität vor allem der, daß die seit Bekanntwerden der Probleme in der Bevölkerung dramatisch angestiegenen Kundenzahlen nicht wieder sinken werden, da ja weiterhin die Chance auf ein Megaschnäppchen besteht.
10:56 Uhr: Azubi Grete Picklfrese findet mal wieder einen katatonischen S.I.E.M.E.N.S.-Techniker auf der Damentoilette in der Lebensmittelabteilung. Um der üblichen hochnotpeinlichen Befragung zu entgehen, der sie sich bei Auffinden des letzten solchen ausgesetzt sah, verpackt sie den nahezu leblosen Körper mit Hilfe einiger Kolleginnen in einen leeren Plasma-Fernseher-Karton und versendet ihn unfrei an die S.I.E.M.E.N.S.-Konzernzentrale, allerdings unvorsichtigerweise ohne den Karton ausreichend fest zuzukleben.
Im für Hecklenbroich zuständigen Paketverteilzentrum Larten an der Wumme häufen sich seit knapp zwei Monaten unerklärliche Ausfälle. Außer einem leeren Plasma-Fernseher-Karton konnte bei einer Untersuchung nichts Außergewöhnliches festgestellt werden.
Erstellt am 2.4.2006
Letzte Änderung am 18.06.2006 19:32 (CEST)
Diese Seite liegt auf
http://www.schlabonski.de/siemens.html
Schlabonskis Welt:
Für Statistik auf den Counter klicken!