Viele viele bunte Smarties

Tja, ich hatte ja gehofft, den kauft keiner. Aber wieder einmal wurde ich eines Schlechteren belehrt, und Murphys erster Satz der Geschäftspolitik hat sich bewahrheitet: Nichts ist so schlecht, als daß es nicht Idioten gibt, die es kaufen. Das stimmt bei Musik, das stimmt bei Literatur, das stimmt bei Betriebssystemen. Und es stimmt, leider, auch bei Kraftfahrzeugen.

Nein, es geht hier nicht um schadstoffarme Zwölfzylinder und derlei Unfug am oberen Ende der Skala. Die Rede ist vom dümmlichsten, wenn nicht gar überflüssigsten kleinen Automobil aller Zeiten, und ich benutze das Wort "Automobil" hier nur in seiner ursprünglichen Bedeutung, "selbst beweglich", denn ich sah das Ding tatsächlich schon fahren. Ironischerweise trägt es einen Namen, der all das verkörpert, was es nicht ist: smart.

Kleine Autos brauchen kleine Buchstaben, daher nicht "Smart". Das ist eine läßliche Sünde im Zeitalter der verkrampft-individuellen Benamsung von Kraftfahrzeugen, in der Auto-Bild seinen Lesern erklären muß, den neuen Rover 75 spreche man nicht "fümmensippzich" aus, sondern "säffenti-faif", während man den großen Saab nicht 95, sondern je nach Lust und Laune 9.5, 9*5 oder 9 hoch 5 zu schreiben beliebt und aber trotzdem "neun fünf" auszusprechen hat; aber die Schreibung des Smarties mit kleinem "s" erlaubt, vermutlich nicht unbeabsichtigt, die Assoziation, dies sei gar kein Nomen. Und was kein Nomen, "Sachwort", als Namen trägt, das ist auch keine Sache, kein Ding. Sondern? Sondern eine Weltanschauung? Sicher. Gaanz bestimmt. Jedenfalls kann ein Nicht-Ding ja auch kein schlechtes Ding sein oder gar irgendwem etwas Böses tun. Und so ein kleines knuddeliges schon erst recht nicht.

So kann man trefflich von den logischen Fehlleistungen ablenken, die dieses Gefährt auszeichnen wie kein zweites. Es soll ein kleiner Einkaufsflitzer sein - hat aber keinen nennenswerten Laderaum, denn es ist kurz. Da könnt man den Kofferraum ja wenigstens hoch machen, hoch isses ja - geht aber nicht, denn hinten sitzt der Motor oder zumindest das, was dafür durchgehen soll. Okay, wir haben also einen Heckmotor, mensch, da könnt man ja ein fahraktives Auto von machen, so 'ne Art Westentaschen-911 (würde bei der Jagd nach freien Parkplätzen ganz schön hilfreich sein) - nein, auf keinen Fall, denn da soll auch der DAF (dümmste anzunehmende Fahrer) mit 'nen Bogen um 'nen Elch oder anderes Getier machen können, also machen wir ihn brav untersteuernd und die Lenkung indirekt. Okay, also nix Fahrspaß, muß ja auch nicht unbedingt sein, dann aber wenigstens einigermaßen komfortabel - nein, geht auch nicht, denn dann wankt er zu sehr und fällt angesichts wildsichkreuzender oder sonstwie den Weg versperrender Tiere trotzdem um. Nagut, aber wenigstens einigermaßen spritzig - wieder nichts, denn eine Halbautomatik muß schon sein, wieder wegen des DAF, leider mit elendiglich langen Schaltpausen. Naja, wer schaltet auch schon so oft, machen wir ihn eben schön drehmomentstark - und nochmal daneben, denn ein winziges Turbomotörchen braucht schon reichlich Schaltarbeit, um voranzukommen.

Okay, okay, die Gnutschgnubbe von Fahrding macht also keine Laune, nie, nirgends, aber dafür ist sie ökologisch sinnvoll und sparsam - ja von wegen, man kann damit auch fast 7 Liter pro hundert km weggurgeln, unter 5 geht wenig, und das bei 'nem 18-Liter-Tank, kein Wunder bei dem Gewicht, und das trotz Plaste ohne Ende. Zum Glück sind Städte ja nicht besonders groß, und auf dem Land kauft eh niemand ein Fahrzeug, wo keine Schweinehälfte reinpaßt. Und aus der Stadt raus traut sich mit dem Smartie eh keiner, wetten?

Das, was dieses Unikum kann, konnte mein '78er Polo auch fast alles, wog ja auch weniger... aber der konnte auch 5 Personen mit Gepäck mit 140 über die Autobahn befördern. Nicht bequem, aber gefedert hat der immerhin einigermaßen. Und überschlagen hat er sich auch nicht.

So wundert es mich nicht, daß der Hersteller des Smarties pro Auto zum Preis von ca. 17.000 Mark am Anfang ca. 15.000 Mark in die Werbung stecken mußte und trotzdem schon jetzt die ersten Händler pleitegehen. Aber es hilft nix: es gibt das Teil tatsächlich schon im Straßenbild zu bewundern. Meist natürlich mit dem Hauptzweck des Auffallens, nicht des günstigen und zweckmäßigen Transportierens: als Firmenwagen der teureren Kurier- und schlechteren Essensbringdienste etwa, weniger als Privatwagen. Ein Schicksal, das es mit anderen Ausgeburten der modischen Schnickschnackwelle im Autodesign wie dem Golf-Coupe namens "Beetle" oder der A-Klasse teilt. Noch. Doch man gewöhnt sich leider dran.

Und was Wunder bei Firmenwagen, die ja bekanntlich gern getreten werden - prompt fallen die ersten Smarties um, wenn man auf Eis zu beschleunigen wagt: erstmal passiert ein Momentchen lang gar nichts wegen der Halbautomatik-Gedenksekunde, dann dreht mindestens ein Hinterrad durch, und wenn das andere Grip hat, stellt sich die Büchse quer, was man wegen der indirekten Lenkung kaum rechtzeitig parieren kann. Und dann brauchts nicht mehr viel, um den Boden unter den Rädern zu verlieren. Colt Seavers wäre überglücklich gewesen. Das einzige, was noch fehlt, ist, daß die halbmetallene Horrorbeule in der Luft explodierte ... naja, vielleicht gibt's das ja, nebst Aschenbecher und Uhr, demnächst als Extra. Immerhin landet sie anmutig auf dem Rücken. Ich kann es kaum erwarten, bis ihr Hersteller es ihr nachtut.

Bis dahin steh ich daneben, kratz mich am Koppe und frag mich, wie so etwas passieren kann. Eine offensichtlichere Fehlkonstruktion ist mir nicht bekannt, wieso hat niemand das Ding eingestampft, als es noch ohne Gesichtsverlust ging? Andererseits - womöglich war's ja auch schon drin in der Presse. Bei dem Aussehen? Und schon wird laut über eine Produktionseinstellung nachgedacht, was das Smartie dann locker auf eine Stufe mit dem Ford Edsel und dem Opel Sintra stellen dürfte. Naja, Mercedes wird ja auch zum Massenhersteller, da kann man sich so 'nen Flop ja massig leisten.

Anderenfalls kommt er demnächst als Diesel. Toll. Auch schon. Und verbraucht deutlich über drei Liter, seltsam, davon kann man auch schon 'nen Polo Diesel ernähren, Lupo sowieso... Vielleicht gibt's als nächstes auch die Revolution: dann kann man das Gefährt geräuschfrei als Kettcar im Stadtverkehr benutzen. Uhrenproduzenten finden schließlich keine Marktlücke zu blöd, und ihre Klientel offenbar leider auch nicht. Nur daß die gottseidank kleiner ist als befürchtet.

Besser ist das. Denn der smart ist eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Und dann auch noch die falsche.

Denn wozu sollte man noch Bus fahren, wenn man ein Smartie hat? Da gibt's doch überall Parkplätze für, und wenn man sich irgendwo reindrängelt und dabei anderen die Zufahrt versperrt, was soll's, man paßt ja überall in den toten Winkel. Außerdem ist das doch ein politisch korrektes Auto: Freiwilliger Verzicht auf alles, was Spaß macht; leider noch nicht mal zugunsten der Umwelt, aber was soll's, seht alle her, ich bin ein Asket. Der Fußgänger da könnt ja ein verkappter Benzfahrer sein oder einfach nur 'ne arme Sau, ich hingegen laß mir meine Askese was kosten.

Das mutet an wie jemand, der, um was gegen die Abholzung der Regenwälder zu tun, demonstrativ die Bic-Mäc-Tagesproduktion der örtlichen McDonald's-Filiale aufkauft und vernichten läßt, obwohl hungrige Menschen danebenstehen, statt einfach nur nicht da zu kaufen und davon auch möglichst viele andere zu überzeugen.

Und so gesehen paßt das Smartie dann doch ganz gut in Schlabonskis Welt.

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