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Sonntagsdenkverbot

Jetzt sollen sie also auch am Sonntag fahren dürfen, die Lastwagen. Tolle Idee. Eigentlich sind alle, die es was angeht, dagegen: die Fahrer, weil sie dann gar keine Freizeit mehr hätten, die anderen wegen der Behinderung des Sonntagsausflugs, und die Ökos sowieso. Bloß die Wirtschaft, die ist dafür.

Die Wirtschaft. Wer ist das eigentlich? Die sprichwörtliche Tante Emma? Das mittelständische Maschinenbauunternehmen? Eigentlich nicht. Die Wirtschaft, das sind jene Konzerne, die die Straßen als schweinebilligen Lagerraum benutzen – die kosten keine paar tausend Mark Miete pro Monat, sondern bloß ein paar tausend Mark Kfz-Steuer pro Jahr. Just in time, also gerade so eben rechtzeitig, soll der Krempel ans Band kommen, wenn denn alles gutgeht. Und damit es das auch tut, werden die Lieferanten mit ein paar tausend Mark Konventionalstrafe pro Minute zum Äußersten gezwungen.

Daß dabei schon mal der eine oder andere Personenkraftwagen unter der Stoßstange bleibt, ist einzusehen. Der Unterschied zwischen 80 und 94 km/h, zwischen acht und elf Stunden Fahrzeit am Stück kann über die Auftragsvergabe entscheiden und damit über die Existenz der Spedition. Das kann so ein kleiner Unfall nicht. Man muß eben Prioritäten setzen – wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Oder auch Auflieger auf Omegas drauf.

Und demnächst tobt der Wahnsinn also rund um die Woche, rund um die Uhr. Wenn vertrottelte Orion-Fahrer mit Hut und genervte Kapitäne der Landstraße mit durchgefahrener Samstagnacht sich vor Wildeshausen-Ost die rechte Spur streitig machen, weil links die BMW-Geschwader wie immer Tiefflugübungen abhalten, dann möchte man ganz weit weg sein – denn dann werden die Fetzen fliegen, genau in Windschutzscheibenhöhe. Wer zügig vorankommen will, sich aber halbwegs an die Tempolimits hält, fährt schließlich Kreise um die Sonntagsfahrer, wird aber von den Fernlastzügen fast geplättet. Dazu noch eine Handvoll Achtzylinder und ein Kradlerschwarm – wenn die alle zur selben Zeit am selben Ort zusammenkommen, dann gute Nacht. Und dann will ich nicht dazwischengeraten.

Die Transport-Branche hat's schwer, das möchte ich gar nicht schönreden. Billige Konkurrenz von Litauen bis Portugal, steigende Dieselpreise, wachsender Unmut vom verabgasten Volk, massenhaft Baustellen (die ohne LKWs kaum nötig wären), die bescheuerten Just-in-time-Knebelverträge, endlich mal strenger werdende Umweltgesetze, das alles zusammen kann schon nerven, das ist wahr. Umso wichtiger ist doch aber die Ruhe am Sonntag und die zeitliche Trennung von den Ausflüglern!

Deswegen – weil das so wichtig ist – glaube ich auch fest daran, daß das Sonntagsfahrverbot bald einem Sonntagsdenkverbot weichen wird. Schließlich wird hierzulande in der Verkehrspolitik der Schwachsinn vorzugsweise realisiert. Aber vielleicht hat das auch sein Gutes. Mehr plattgefahrene Ersatzteilspender auf den Schrottplätzen, mehr Geld für die Krankenhäuser von den Versicherungen, mehr Aufträge für die Straßenbauwirtschaft und die LKW-Werkstätten und natürlich eine höhere Todesrate bei den kraftfahrenden Rentnern mit den positiven Folgen für die Rentenkassen. Dem Bruttoinlandsprodukt wird's guttun. Wen kümmern Verluste, Hauptsache Umsatz.

Vielleicht aber wird das Sonntagsdenkverbot sogar, wenn auch unverdientermaßen, der Bahn guttun. Denn wer traut sich dann noch auf die Straßen in Schlabonskis Welt?

Erstellt am 08.10.1999.

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