Aus unserer Reihe "Der ganz normale Wahnsinn":

Ein Tag im Supermarkt

Huch, schon wieder Samstag? Au backe. Ein flüchtiger Blick in den Kühlschrank... okay, vergessen wir das. Ein ebensolcher ins Portemonnaie: Hmmm, von Restaurants leben ist diesen Monat nicht mehr drin. Also bleibt nur ein Ausweg, der letzte nämlich: der Besuch des Kaufrauschtempels am Rande der Stadt. Und wie sollte es anders sein, natürlich denken sich das alle anderen auch. Samstagmorgen, halb elf in Deutschland. Das kann ja heiter werden.

Schon mehrere Ampeln vor der alles entscheidenden Kreuzung beginnt der Kleinkrieg. Schon hier ist nämlich jedes Fahrzeug ein potentieller Parkplatzbesetzer und muß darob unbedingt abgedrängt werden. Die Verwundeten stehen am Straßenrand, geschundenes Blech, wartend auf ADAC oder Polizei, während ihre Fahrer fieberhaft überlegen, woher zum Geier sie jetzt noch die Wochenendeinkäufe nehmen sollen.

Dergleichen ficht Dich nicht an. Schon hast Du die Einfahrt erreicht, und nach kaum drei Minuten des Wartens findet sich im Gegenverkehr auch ein Einsichtiger, der Dich mit Lichthupe und wildem Gestikulieren auffordert, doch endlich zu merken, daß er kurz den Gasfuß gelupft hat, um Dich durchzulassen. Nur knapp entgehst Du dem Tod in Gestalt des Kuhfängers am Bug seines Pajero. Geschafft! Ab jetzt spielt sich der Streß im Schrittempo ab. Bis zur Pforte des Grauens ist's noch ein guter Kilometer, aber der ist gestrichen voll mit Kraftfahrzeugen. Und schon hier draußen, in Parkplatzsektor X12, also fast im Nachbarort, tobt der Lückenkrieg. Sechzehn-Vau braucht keine Sau, außer hier, wo man durch die entscheidenden Zehntelsekunden vielleicht noch dem Mitmenschen die Lücke wegschnappen kann. Wegspritzende Fußgänger nebst Einkaufswagen werden dabei billigend in Kauf genommen.

Doch da: eine Lücke! Und weit und breit kein Konkurrent, denn die hinter Dir sind durch einen ausparkenden Vectra nebst weißhaarigem Fahrer einstweilen blockiert, während in die andere Richtung ein mehrtonniges Lieferfahrzeug des Supermarktes, das natürlich am Samstag um 12:08 noch Ware anliefern muß, als effektiver Sichtschutz fungiert. Ungeachtet der ohnmächtig-hilflosen Blicke der Fahrzeuglenker in den Spuren W und Y manövrierst Du Dein Gefährt mit gekonntem Schwung in die Lücke, nur um beim Aussteigen erst 'ne Escorttür vor's Schienbein und dann 'ne Schimpftirade ins Hirn geknallt zu bekommen von einer älteren Dame, die doch gerade beim Aussteigen war, Sie Rüpel, nehmen Sie doch mal etwas Rücksicht! Also diese Jugend von heu...

Make my day, Schnepfe, murmelst Du und begibst Dich auf die Suche nach einem wesentlichen Utensil: der fahrbaren Gitterboxpalette, auch als "Einkaufswagen" tituliert. Murphys Gesetz sagt ja, daß Du bei jedem Supermarktbesuch einen Einkaufswagen ins Auto geschoben bekommst, es sei denn, Du erkennst das als Einkaufswagenbeschaffungsstrategie. Also überläßt Du den vom Leben gezeichneten Kraftwagen seinem ungewissen Schicksal und wirfst Dich ins Getümmel.

Der vorletzte Wagen im Spender ist eine der ach so raren Versionen (ca. 80%) mit Kinderklappsitz und wird Dir deswegen von einer wutentbrannten jungen Mutter aus den zitternden Händen gerissen mit den Worten "Es macht Ihnen doch sicher nichts aus...". Doch, macht es. Denn erstens war das, mit Verlaub, MEINE Mark da drin, und zweitens ist der letzte Wagen auch wirklich der letzte. Der letzte aus dem Rußlandfeldzug. Offensichtlich ein Landminentreffer. Ohne Pfandmark zu haben, denn die überstiege seinen Zeitwert um ein Mehrfaches. Dafür immerhin keine Kinderkotzekontamination, man soll ja auch mal dankbar sein für die kleinen Dinge im Leben. Jedenfalls ist das Teil auch mit Mühe nicht mit annähernder Genauigkeit auf Kurs zu halten: jedes Rad hat seine eigene Vorstellung über die geeignete Geschwindigkeit oder Richtung des Gefährts. Entsprechend viele blaue Flecken teilst Du auf dem Weg zum Eingang aus. Und leid, nein, leid tut es Dir, trotz gegenteiliger Beteuerungen Deinerseits, eher weniger.

Schon vor dem Eingang hast Du, trotz der vorhin beim Aufstehen an sich guten Stimmung, ernste Selbstmordgedanken. Zum einen haben nämlich die Architekten genialerweise nur einen Eingang in den eigentlichen Markt vorgesehen, zu dem der Weg durch eine geschmackvolle sogenannte "Shopping-Mall" führt, als wolle man tatsächlich spontan zum Multivitaminsaft auch noch Miederwäsche und Mallorcaurlaub im Vorbeigehen mitnehmen; zum anderen bringt auch der geringste Anlaß, etwa Kindergeschrei oder ein ungewöhnlich geformtes Brötchen in der Auslage des Bäckers, unweigerlich mindestens einen Einkaufskarrenpiloten dazu, urplötzlich wie angewurzelt zu verharren. Dazu noch weit überladener Querverkehr aus den Kassenauswurfkanälen, und die Massenkarambolage ist perfekt.

Eine leid- und sturmgeprüfte Plausibilitätscheckroutine in Deinem Hirn revidiert die Selbstmordgedanken: wieso "selbst"? DAS ist doch mal ein Gedanke. Schulen, wen interessieren Schulen? Mit der Uzi durch den Realkauf, das wär's.

Aber erstmal einkaufen. 12:37, naja, anderthalb Stunden hast Du noch, das wird ja wohl zu schaffen sein.

Eigentlich.

Aber vor den Lohn haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und der fließt trotz Klimaanlage reichlich. Jedem Leser ist die Szenerie vertraut, deshalb hier nur ein paar Schlaglichter auf's Grauen:

Stundenlanges Befühlen einzelner Tomaten, möglichst in trauter Zweisamkeit die dabei empfundenen Eindrücke lebhaft diskutierend. Zerplatzende Honiggläser. "Wenn's nicht im Regal steht, dann isses auch nicht da." Verteilungskämpfe um die letzte Verpackungseinheit ablaufender Grillkoteletts. Kindergeplärr. "Fragen Sie meine Kollegin." Endlos scheinende Schlangen von Rentnern, die natürlich unter der Woche auch keine Zeit zum Einkaufen haben. Einstürzende Gurkenglaspyramiden. "Möchten Sie nicht auch mal unsere grobe Landbauernknorpelwurst probieren?" Säuerlicher Geruch aus der Milchprodukte-Kühltheke. Nur noch das teure, salzige Mineralwasser mit der bescheuerten Fernsehwerbung. Dafür nur noch das billigste Bier. GONG. "Meine Damen und Herren, wir schließen um 14:00, bitte sehen Sie zu, daß Sie zügig hier rauskommen, aber zack zack!!!"

Irgendwo am Horizont sind die Kassen. Und dank der ausgedünnten Produktpalette um diese Zeit hast Du nur sieben Artikel im Wagen. Wenn einer davon nicht die seit langem gesuchte Springsteen-CD wäre, könntest Du, so denkst Du Dir, noch vor Sonnenuntergang wieder zu Hause sein. Denn in ihrer unendlichen Weisheit hat die Supermarktleitung die "Schnellkasse" ersonnen, für die armen Schweine mit höchstens acht Artikeln.

Angesichts dieser Kasse zerfällt die geneigte Kundschaft in vier Teile. Einer davon hat höchstens je acht Artikel. Die anderen haben je eine dumme Ausrede: "Das hab ich ja gar nicht gesehen", logisch, steht ja auch nur in 30 cm hohen Lettern an der Wand. "Ich hab's aber eilig", ach so, dann ist das schon in Ordnung, wir anderen sind ja alle bloß zum Vergnügen hier. "Willste paar auf's Maul?", och, wenn Du so fragst - lieber nicht. Klär das mit der Kassiererin.

Und so wird dann jeder dritte bis fünfte Einkaufswagen wegen Überfüllung der "Schnellkasse" verwiesen und mühevoll rückwärts aus der knapp geschnittenen Einlaufschneise bugsiert, die doch dafür konstruiert ist, den Kunden in der Umklammerung von Räucherstäbchen und klebrigem Süßkram zu halten. Hämisches Grinsen aus der Schlange trifft haßerfüllte Blicke des Verstoßenen. Another one bites the dust.

Trotzdem dauert's noch ein Weilchen, denn auch höchstens acht Artikel können solche beinhalten, um deren Preis zunächst eine Angestelltenkonferenz gehalten werden muß; auch höchstens acht Artikel können mit unleserlichen Barcodes versehen sein, die das fehlerfreie Abtippen siebzehnstelliger Zahlenketten bedingen, was nur selten schon im dritten Versuch gelingt; und, auch wenn man's als militanter Barzahler nicht glauben mag, auch höchstens acht Artikel im Gesamtwert von Dreindreißichachtnsiebzich kann man mit ec- oder Kreditkarte bezahlen wollen. Oder, alternativ, die Dreindreißichachtnsiebzich habbich genau passend, damit's schneller geht, wo war doch gleich, ich weiß genau, ich hatte noch 'n Fünfpfennigstück, oder habbich das beim Schlachter, Momentchen noch, vielleicht isses in der Hosentasche...

Und auch an der sogenannten "Schnellkasse" gibt's immer wieder die Gelegenheit, die gepflegte Konversation von genervter Mutter und gelangweilter Brut zu beobachten: "Mamaaa, willn Eeeeiiiis!" Wenig später, breitgeschlagen die Mutter, wird das Begehr genauer spezifiziert: "Konneddo Eaatbääääääääär!!! " Und, wie sollte es anders sein, genau die Sorte ist alle. Der Lärmpegel steigt in Regionen, die Dich wieder mal über die Anschaffung von Gehörschutzmuscheln nachdenken lassen - ein Hubschrauber ist nix dagegen. Doch auch die müssen mal durch die Kasse. Irgendwann.

14:22, Wahnsinn, nicht mal zwei Stunden und nur ein Mayonnaisenfleck auf der Hose, Spur eines anderen Disputs zwischen Mutter und Kleinkind, den letzteres durch Wurf mit dem Mayo-Glas erfolglos zu beenden versucht hatte. Tja, was soll's, wer da in Wurfweite steht, ist selber schuld. HASS! Aber egal, leichten Schrittes verläßt Du den Ort des Grauens - doch halt! Die Springsteen-CD liegt noch an der Information! Also Kehrtwende. Und wieder im Stau. Sechs Kunden nur stehen Schlange, drei Informationeusen sind anwesend: hey, das könnte ja recht fix was werden.

Von wegen.

Zwei der drei Bediensteten betrachten gemeinsam Babyfotos der einen und lassen sich auch durch böse Blicke nicht aus der Ruhe bringen. Vermutlich haben sie schon Feierabend. Die dritte gibt sich redliche Mühe, kommt aber gegen die geballte Wut eines Herrn in den besten Jahren nicht an, dessen hier gekaufter Mixer schon nach sechs Wochen den Geist aufgab. Jeder Versuch, erstmal die anderen Kunden abzufertigen, wird mit einem "Nein, ich bestehe auf einem neuen Mixer!" quittiert, trotz wiederholter Hinweise, daß das ohne Kassenzettel nun mal nicht geht...

Fast forward, 14:37, immer noch Kinderfotokucken, aber keine Mixerdiskussionen mehr, immerhin. Du hältst die CD in zitternden Händen und liest: "Ein Abend mit Patrick Lindner". Stammelnder Protest wird mit verständnislosen Blicken quittiert, und eine Matrone rammt Dir den Einkaufswagen in die Fersen mit den Worten: "Nu haltense hier ma nich den ganzn Verkehr auf!" Dazu natürlich angewiderte Blicke auf den Typen mit dem fast leeren Einkaufswagen und der fleckigen Hose, bestimmt ein Penner, elendes Gesindel, man gut, daß Du keine Gedanken lesen kannst. Zumindest eine Kaufpreisrückerstattung erkämpfst Du Dir noch, dann hinkst Du geschlagen vom Schlachtfeld.

Die frische Einkaufswagenbeule in der Fahrertür ignorierend, wirfst Du die spärliche Beute auf den Beifahrersitz. Ein dezentes "Kritsch" kündet von einem geborstenen Joghurtbecher. Na klasse. Dafür kannst Du wenigstens das Einkaufswagenwrack taktisch in ein Blumenbeet schieben, is ja keine Mark drin.

Kaum 'ne halbe Stunde später bist Du auch schon wieder auf der Straße nach Hause, genießt das Gefühl unbändiger Freiheit bei Stop and Go und wegen Joghurtgemüffel trotz einsetzenden Nieselregens offenen Fenstern und schwörst Dir: Nie wieder wirst Du einen Fuß in dieses Chaos setzen. Nie wieder.

Jedenfalls nicht vor dem nächsten Samstag in Schlabonskis Welt.

Diese Seite:
Zugriffe seit dem 11.05.1999

Schlabonskis Welt:
Site Meter
Für Statistik auf den Counter klicken!