Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Tokaimura

"Uups, da habe ich mich wohl ein bißchen vermessen..." müssen die letzten Worte des Arbeiters in der Uranaufbereitungsanlage der Firma JCO gewesen sein, als ein wenig zuviel Uran in den Behälter mit der Salpeter-Säure floß. Tja, Unfälle passieren nun mal: Ob im Haushalt beim täglichen Popelessen oder in der Firma beim Auslösen einer nuklearen Kettenreaktion. Ein Vorwurf kann man den Leuten in weißen Schutzanzügen nicht unbedingt machen, tun sie ja schließlich nichts anderes als ihren Job – und der kann schon mal öde werden, da geht schon mal was daneben. Aber irgendwie ist es doch seltsam, daß bei dem gesamten Unfallhergang 49 Personen ernsthaft verstrahlt wurden, darunter zwei Leute bis zur Besinnungslosigkeit, sich davon aber erst 18 beim Versuch der Eindämmung den Kick des Lebens (oder was anderes) holen durften.

Nun gut, die zwei mit der Besinnungslosigkeit werden es wohl, aufgrund der 5000fachen Ladung der jährlichen Normalstrahlung, soo lange wohl auch nicht mehr machen müssen. Da schaut man dann doch frohen Mutes in Richtung Tokio, wo die Führungselite beim Tee auf dem Boden hockt und sich von irgend einen Wichtigen erzählen läßt, daß eine Panik diese Regierung eher nicht in die nächste Legislaturperiode befördern würde, zumal doch eh alles nicht ganz so heiß verstrahlt wird, wie es vorher vom Brennstab gekocht wurde. Welch ein Glück.

Aber während diverse Regierungen in Europa an der Unfehlbarkeit der Betreiberfirmen und an deren Einfluß festhalten, hat die Regierung dort zumindest die gemachten Fehler und die Lahmarschigkeit in Krisensituation zugegeben – wohl mit einem begleitenen Kopfschütteln des wichtigen Unbekannten im Hintergrund.

Was die Regierung dort von anderen im puncto Eingeständnis von Teilschuld auch unterscheidet, glücklich vereint stehen sie wieder in der hinreichenden Inkompetenz und bei der Frage um den Ausstieg aus der Kernenergie. Darin sind sie sich nämlich alle einig, daß es bei einer Halbwertszeit von ein paar zigtausend Jahren auf 100 oder 200 Jahre Auslaufzeit auch nicht unbedingt ankomme. Bis dahin lebt eh keiner mehr... von denen, die das heute beschließen.

Und was sagt die Betreiberfirma? "Och, da hat mal wieder jemand seine Dienstvorschriften nicht gelesen!". Genau. Was ein falscher Knopfdruck auch auslösen kann, schuld ist ohnehin immer der Benutzer und nie die veraltete Anlage bzw. das mangelnde bis verschollene, im dunklen Keller aufbewahrte Sicherheitskonzept mit den entscheidenen Hinweisen, die einem dann in wichtigen Situationen irgendwie auch nicht weiterzubringen vermögen. Schließlich ist das Standard. Und am Standard ist nix zu rütteln!

Und selbstverständlich kann man aus einem solchen menschlichen Versagen keinesfalls auf ein generelles Sicherheitsproblem schließen. Hach gott, er hat halt zuviel in den Behälter getan. Das klingt doch wie eine Küchenpanne. Kann doch jedem mal passieren, oder hast Du noch nie die Spiegeleier versalzen? Klar kann es – und eben darin liegt ja das generelle Sicherheitsproblem. Wenn es so gefährlich ist, zuviel Uran in den Behälter zu tun, dann darf es verdammt nochmal auch technisch nicht möglich sein, dies zu tun! Aber höre ich irgendwo, daß das ein technisches oder konstruktives Problem sei, das man nun zügig zu lösen gedenke?

Nebenbei bemerkt: daß von einer Aufbereitungsanlage, einer Brennelementfabrik also, eine derartige Gefahr ausgehen kann, das wußten vor Tokaimura selbst engagierte Kernkraftgegner nach eigenem Bekunden nicht. Ich weiß nicht – mich stimmen solche Aussagen nicht eben zuversichtlich, wenn ich an unsere Brennelementfabriken denke in der Nacht.

Zum Glück gibt es ja die Baubestimmungen in der Nähe von Atomkraftwerken oder anderen fröhlich strahlenden Betreibern. Ohne Zweifel wurden die in Japan pingelig genau eingehalten, denn warum sonst hätten die umliegenden Anwohner im Haus bleiben können... äh ...müssen, wenn nicht sämtliche Holzbauten mit Papptüren, dort im allgemeinen Wohnhaus genannt, vorsoglich mit einem Ganzkörper-Bleimantel umschlossen gewesen wären und unter dem Keller der Zweitakter-Stromgenerator den betrieblich subventionierten Endzeitbunker unter genüßlich stöhnendem Pochern mit Energie, Wärme und Abgasen versorgt hätte. Ansonsten wäre diese angeordnete Maßnahme doch völlig nutzlos gewesen! Und eine alternativ angedachte Evakuierung kam üüüberhaupt nicht in Frage, die hätte doch bloß wieder diese dumme, gefährliche und ignorante Panik ausgelöst.

Das Leben geht weiter, zumindest für die meisten.

Jetzt hatten also schon drei Atomstaaten "ihren" GAU. Harrisburg, Tschernobyl und jetzt Tokaimura – alles weit weg, alles nicht so schlimm, alles ist gut. Wo ist der nächste dieser "unmöglichen" Unfälle? Wann zeigt das Restrisiko wieder, daß es trotz aller Verniedlichung immer noch ein Risiko ist?

So leben wir in unserem Lande weiter in den Tag hinein und dürfen uns freuen, daß die Führungsreihe aus Wirtschaft und Soziales über den Ausstieg aus der Kernenergie philosophiert und die eigenen Mitmenschen... Bürger... Steuerzahler mit dem lustigen Kaspertheater zwischen Kanzler, Umweltminister und diesen unbekannten wichtigen Leuten, die einem Scheiße-nochmal nicht über den Weg laufen, zu unterhalten gedenkt. Dabei bleibt's dann. Aber schön, daß wir mal drüber gesprochen haben...

Freudestrahlend in Schlabonskis Welt, dem Blitz entgegen!

Erstellt am 05.10.1999.

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