Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Transrappel

Am Anfang war vermutlich ein gelangweilter Schüler, der während einer Geschichtsstunde mit zwei Magneten rumspielte und dabei feststellte, daß es doch ziemlich cool wäre, den einen auf dem anderen schwebend plazieren zu können. Die Kopfnuß seitens des Lehrers, der vermutlich gerade dabei war, den Wirtschaftswunderkindern jegliche Möglichkeit der Beteiligung der Deutschen an irgendwelchen angeblichen Greueltaten der sogenannten Nazis auszureden, prägte dann diesen Traum für immer in die unterentwickelten Gehirnwindungen des pubertierenden Systemzweiflers.

Szenenwechsel: Irgendwo in einem deutschen Industriebetrieb, Ende der 70er Jahre. Besagter Schüler, zwischenzeitlich versehentlich promoviert zum Doktor der Verkehrsverhinderung, bekommt vom Oberhauptbereichsgauverbandsabteilungsleiterassistenten deutlich gesagt, er möge doch mal aufhören, andauernd das Rad neu zu erfinden. Das Rad ... erfinden ... Moment! Wozu Räder? Das ist ganz klar ein veraltendes Konzept. Rasch noch den Forschungsetat bewilligen lassen, und ab geht's.

Ein paar Monate der Bastelei mit Magneten und alten Märklin-Modellbahnwagen später steht das Konzept der Magnetschwebebahn. (Den Forschungsetat haben wir stattdessen für leichte Autos und schnelle Mädchen ausgegeben, man kennt das ja. Was soll's - bis die Fehler entdeckt werden, haben wir unsere Schäfchen im Trockenen.)

Auf den Laien, und das ist die Hauptsache, wirkt die Idee zunächst einleuchtend. Berührungsfrei schwebt der "flüsternde Pfeil", wie ihn ein gewisser Bundesverkehrtminister Wißmann zu nennen sich nicht zu dämlich sein wird, durch die Lande, seine Geschwindigkeit prinzipiell unbegrenzt, jedenfalls nicht durch solch kleinlich anmutende Lappalien wie Spurkränze oder Dachstromabnehmer. Flugs werden ein paar hundert Millionen in Testinstallationen versenkt.

Dort treten gar erstaunliche Erkenntnisse zutage.

Etwa, daß man nicht unerhebliche Mengen an elektrischer Energie braucht, um mehrere dutzend bis einige hundert Tonnen Stahl anzuheben. Oder daß es durchaus ein wenig Krach macht, dieselben dann mit ein paar hundert km/h durch die Atmosphäre zu schießen. Oder daß Luft an sich vielleicht weich zu sein scheint, dieser Effekt aber bei den genannten Geschwindigkeiten in den Hintergrund tritt - wie jeder weiß, der schon mal bei 200 die Hand durchs offene Schiebedach gestreckt hat.

Man braucht also, oh Wunder, doch Schalldämmung, Federung und ein bißchen mehr Power als geplant, um das Teil noch angemessen durch die Gegend zu wuppen. Daß es dadurch auch um ein paar Größenordnungen teurer zu werden verspricht, nimmt man mit fatalistischem Lächeln zur Kenntnis. Wir ham's ja.

Erneuter Szenenwechsel: Ende der 90er Jahre. Eine gewisse jetzt abgewählte Regierung hatte den glorreichen Plan auf den Weg gebracht, eine "Referenztrasse" des "kreischenden Projektils" von Hamburg nach Berlin bauen lassen zu wollen, auf daß die arme notleidende Industrie dasselbe dann ins Ausland verkaufen könne. Da müssen schon mal ein paar Milliarden aus der Staatskasse für drin sein, das muß man schon verstehen. Betriebs- und Risikoträger: die Deutsche Bahn, die so zum zweiten Mal in ihrer Geschichte die Anschubfinanzierung für ihre Konkurrenz leisten darf (das erste Mal hieß sie noch Reichs- und das Projekt "Reichsautobahn"). Die Industrie kassiert die Gewinne, das Risiko trägt der Staat: ein schöner und guter Plan, ganz im Sinne und in der Tradition der genannten Regierung.

Doch da, welch unerfreulich Mißgeschick: das Volk sieht und wählt rot, und die Sozis deckeln die Ausgaben für den Transrappel bei sechskommanochwas Milliarden. Wehklagen allenthalben: die arme notleidende Industrie kann doch un-mööög-lich dieses Risiko aufgebürdet bekommen!

Doch heldenhaft, ein wahrer Retter in der Not, eilt der demnächst schon wieder nicht mehr Verkehrtminister Franz Müntefering herbei und offeriert einen brillianten Plan: Geteiltes Leid ist halbe Kohle.

Will heißen: man werde einfach nur die halbe Strecke bauen. Und weil, wenn man sie quer teilte, sie auf irgendeinem mecklenburg-vorpommerschen Acker enden würde, teilt man sie längs, baut sie also einspurig.

Der Welt erste Magnetschwebenebenbahn.

Suuper. Gaanz toll. Nicht genug damit, daß der derzeitige Stolz der Deutschen Bahn von Göttingen über Hildesheim nach Braunschweig auf eingleisigen Strecken mit 140 dahinschleicht, nein, auch das Zukunftsprojekt Transrappel soll derart kastriert auf Investorenfang gehen. Wirklich sehr überzeugend.

Wenigstens gefährden allfällige Terroranschläge, zu denen man ja nicht mal mehr Eisensäge, Schraubenschlüssel oder Wurfanker brauchen wird (ein wohlplazierter Ytong-Stein dürfte Wunder wirken), dann nicht mehr den Gegenzug. Dafür dürfte es aber gelingen, selbst auf einer nicht vernetzten Strecke Folgeverspätungen hinzukriegen. "Die Abfahrt des Transrappel 42 nach Berlin verzögert sich um voraussichtlich 20 Minuten - wir warten auf den Gegenzug."

Es gibt Momente, da möchte man einen Link zur dpa setzen - deren Inhalte sind mitunter auch nicht weniger bizarr als Schlabonskis Welt.

Erstellt am 18.09.1999.

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