Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Die traurige Tasse

Ein Kultauto ist geboren, sagt zumindest die Werbung. Und alle, alle folgen ihr, gründen Fanclubs, machen Websites auf, erzählen in Diskussionsforen von gemeinsamen Ausfahrten, schreiben Bücher und dergleichen Unfug mehr, den normalerweise nur die Freunde besonders exotischer oder besonders alter Kraftfahrzeuge mit der ihnen eigenen Narrenfreiheit betreiben. Das Auto allerdings ist nicht viel mehr als ein Coupé auf Basis des VW "New Beetle", seinerseits ein Coupé auf Basis des Golf. Dementsprechend ist es auch nicht nur doppelt eng, sondern auch doppelt teuer - und deswegen trägt seine Modellbezeichnung auch diesen Anfangsbuchstaben gleich zweimal: TT.

Schon lange nicht mehr hat ein Automobil die Welt so in zwei Lager gespalten. Die einen vergleichen es freudig mit den optisch auch nicht viel reizvolleren, dafür aber weniger bis eigentlich gar nicht von konzerneigenen Massenprodukten abstammenden Konkurrenten BMW Z3 oder auch Porsche "Boxster" (der Name wäre einen eigenen Artikel wert), die anderen spotten über den "Golf-Panzerspähwagen" und meinen, Autos, die von vorn aussehen wie von hinten, seien seit dem Ableben des Zündapp Janus selig doch eigentlich nicht mehr en vogue. Kurz gesagt, es ist wie immer: manche Autos sind so schön, daß sie sich von selber verkaufen, und andere sind so häßlich, daß sie wegen ihres "mutigen Designs" Freunde finden. Dagegen ist ja auch wenig einzuwenden, weniger jedenfalls als gegen die öde Masse dazwischen von Astra bis Xsara, von Lupo bis 740i.

Aber Kult?

Kinders, das ist doch bloß ein Golf. Zugegeben - ein Golf mit Sonderkarosserie, ggf. Allradantrieb und doppelt soviel Leistung wie ein normaler Golf; aber dafür kostet er auch das Doppelte, das gleicht sich also auch aus. Die Innovation, die man von einem neuen Sportwagen aus dem Hause Audi erwartet hätte, findet nicht statt. Das legendäre Aluminium ist nicht im Rahmen oder sonstwo, wo es technisch sinnvoll wäre: es ist in den Lüftungsöffnungen am Armaturenbrett, wo Plastik schon seit Jahrzehnten klaglos Dienst tat. Dafür ist das Fahrverhalten aus aerodynamischen Gründen im Grenzbereich nicht ohne Brisanz. Function follows form, mal wieder. Haptik statt Technik. Ist das nun 'ne Mogelpackung oder watt?

Aber jetzt kommt ja das Kabriolett, oh Entschuldigung, der "Roadster". Eine echte Sensation: der erste zugfreie Roadster der Welt. Auch offen. Auch ohne Windschott. Selbst auto motor und sport, sonst gern auf Seiten der rasenden Rennbrötchen, schreibt, dieses Auto sei langweilig. Ein offener Sportwagen für 80 Kilomark, langweilig! Ziel verfehlt, möchte man meinen.

Doch was macht das Geschäft? Es brummt. Wie jedes Volk die Politiker bekommt, die es verdient, so ist das auch mit den Autos - Piëch hat das schon ganz gut erkannt: die meisten Leute kaufen eben ihre Autos nicht für sich, sondern für die Nachbarn. Wie's drunter aussieht, geht keinen was an. Und so kann man eben auch eine massenhaft gefertigte Kompaktplattform, nett eingekleidet, im "Premium-Segment" plazieren und sich somit auf streßarme Art die Kohle für's Zeichnen und Zurechtdengeln der nächsten Bugatti-Studie überweisen lassen von Leuten, die den Kern der Sache nicht sehen.

Oder vielmehr nicht sehen wollen.

Naja, jedem Tierchen sein Plaisierchen. Falls wir uns mal begegnen, bitte entschuldigt mein leicht mitleidiges Lächeln an der Ampel, kurz bevor Ihr mich versägt - ich entschuldige Eures ja auch. Ich kaufe meine Autos eben, damit sie mir Dienst tun und Freude machen, und nicht, damit Ihr seht, was ich mir leisten kann und was ich zur Aufputschung meines Egos zu brauchen glaube.

Oldtimer-Fahrer üben Stilprotest am aktuellen Angebot: "Nur wo NSU draufsteht, ist auch TT drin!"

Der Audi TT: ein Ding aus einer anderen Welt. Es gibt tatsächlich Welten, gegen die wirkt Schlabonskis Welt geradezu rational.

Erstellt am 13.09.1999.

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