Unser Dorf soll schöner werden

Die Veränderung des Dorf- und Stadtbildes ist ein selbstverständlicher Vorgang, seit die ersten Wälder niedergebrannt wurden und so ein akutes Wohnungsproblem entstand. Bald schon waren Höhlen nicht mehr Stand der Technik, und die erste Holzhütte wurde errichtet und zweifelsohne von allen Anwohnern als Beleidigung des guten Geschmacks, als Zumutung und als Wertminderung der Umgebung empfunden.

Seitdem hat sich nicht viel verändert, außer den Materialien. Holz pur, Fachwerk, Ziegelmauer, Beton, Stahl, was auch immer. Altes ist bewährt, Neues gewöhnungsbedürftig und ein Quell immerwährender Auseinandersetzung. Der Mensch an sich, und ich benutze das Wort "Mensch" hier in seinem geringstwertigen denkbaren Sinne, ist konservativ, und alles Neue ist ihm ein Graus.

Neu ist allenfalls der Trend, die so entstandenen Siedlungen und Industrieanlagen mit Gewalt auf "schön" zu quälen. Oder auf "alt". Man kann sich ja ruhig mal Gedanken machen über die Optik, wenn man was baut, ja, man sollte es sogar. Das Problem, das mir sauer aufstößt, ist jedoch der Mangel an Ehrlichkeit und Verhältnismäßigkeit der resultierenden Maßnahmen. Einige Beispiele:

Da werden statt bewährter Kieswege plötzlich Terracotta-Pflasterwege für 48,30 pro Quadratmeter gebaut, wo allenfalls dreimal in der Woche 'ne alte Oma drüberwackelt. Da werden Fachwerkfassaden zugeklinkert und dafür Mauerwerk mit Vorhangfassaden zum Fachwerk geadelt. Da werden schmiedeeiserne Bänke aufgestellt, denen es beim besten Willen nicht gelingen mag, der Karstadt-Filiale dahinter eine Anmutung zu verleihen, die nennenswert vom Lagerhallenlook abwiche, die aber trotzdem dreieinhalbtausend Mark das Stück kosten. Nichts ist mehr, was es zu sein scheint. Alles ist Fassade, nichts mehr Substanz.

Und was noch Substanz hat, ist den Planern ein Dorn im Auge. Da werden alte Ziegelbauten weggerissen, weil ja leere Schotterflächen mit Schlammpfützen, äh, "Regenwasserbevorratungsanlagen", und locker drübergestreuten Trümmerstückchen auch viel geschmackvoller aussehen und sich schließlich vielleicht mal ein Investor finden könnte. Außerdem dräut allzeit der Besuch der Denkmalschützer. Und ein Denkmal kann man sich schließlich nicht leisten. Also: mach platt, was Dich arm zu machen droht. Die Deutsche Bundesbahn, neuerdings verkommen zur Deutschen Bahn AG, hat in diesem Trend schon seit den 70er Jahren die Vorreiterrolle übernommen, aber mittlerweile sieht's nach einer Massenbewegung aus.

Teilweise geht der Wahnsinn dann sogar nicht bloß ins Geld, sondern auch zu Lasten der Funktionalität. Da muß ein Tunnel einen Kreisverkehr ablösen, weil letzterer nicht nur als unästhetisch, sondern auch als kotflügelmordend sich entpuppt hat - und daß die Feuerwehr wegen des so verschönerten Stadtbildes fürderhin einen Umweg fahren muß, weil die Drehleiter nicht durch den Tunnel paßt, wird billigend in Kauf genommen. Von geschmackvollen gußeisernen Pollern zur Parkflächenbegrenzung, die listigerweise knapp unter der Fensterunterkante der meisten Automobile enden und so das Einparken zum völlig neuen akustischen Erlebnis werden lassen, von gläsernen Bushaltestellenhäuschen (im Sommer warm, im Winter kalt) und Säulengängen ohne Dach (Sichtbehinderung, aber dafür kein Wetterschutz) will ich gar nicht erst anfangen.

Nun bin ich ja nicht der Ansicht, jede Scheußlichkeit müsse ums Verrecken erhalten bleiben - aber oft, zu oft ist der Neubau an gleicher Stelle eher des Abreißens würdig als das, was er ersetzte. Aber selbst wenn alte Bauwerke ausnahmsweise mal stehenbleiben dürfen, werden sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt: freundliche Farben, etwa toilettenkachelblau oder hornhautbeige mit dezenten Applikationen in schreiendgelb oder neonrosa, dazu dreifache Isolierverglasung mit aufgeklebten Plastestreifchen, angesichts derer es dem gepeinigten Betrachter auch aus 300 Metern Entfernung und gegen den Wind nicht gelingen will, der Illusion zu verfallen, es handele sich um Butzenfenster. Davor ein paar laufende Meter rotgepflasterten Bürgersteigs und daneben ein Betonfachwerk-Parkhaus mit Carrara-Marmorverkleidung. Jaja, schön.

Man verstehe mich nicht falsch: einen Plattenbau mit Putz und Farbe als normales Gebäude zu tarnen, ist in keiner Weise verwerflich. (Wegsprengen wär natürlich eine brauchbare Alternative dazu, zumal sich die auch nach der Sanierung gern leerstehenden Gebäude gar vorzüglich als Fixerhöhlen eignen.) Aber Stuckapplikationen und Ziegeldächer müssen an Betonbauten wirklich nicht sein, schon gar nicht, um einen Gegenpol zu den "modernisierten" Häusern in der Altstadt zu setzen, die solcherlei schmückendes Beiwerk einst besaßen.

Architekt muß ein ähnlich frustrierender Beruf sein wie Autodesigner, heutzutage. Gegängelt von den Wünschen kleinkarierter Auftraggeber und Marktforscher, kann man auch mit erheblicher Motivation kaum eine eigene Note hinterlassen. Auf Dauer wird man dann alt und verbittert und läßt seinen Frust aus.

Anders sind die meisten Neubauten und -wagen nicht zu erklären.

Und was machen die Debilen? Sie kaufen den Mist und fühlen sich darin, angemessenerweise, sauwohl. Das Fertighaus "Wilma" mit Walmdach sieht doch nett aus, Jan-Christopher, was meinst Du? Aber ja, Anna-Magdalena, das nehmen wir. Es paßt in die Gegend wie ein Manta auf ein Käfertreffen, aber was soll's? Schließlich ist es ja unser Geld, bzw. das unserer Bank, also geht's auch nach unserem Geschmack. Und der Gartenpavillon im japanischen Stil von OBI rundet das Arrangement geschmacklich ab. Welche Farbe wollen wir denn für die Dachziegel nehmen? Wie wär's mit Blau, passend zu unserem neuen Vectra?

Zum Kotzen.

Bei der Lebensdauer der existierenden Bausubstanz jedoch, und das ist mein einziger Trost, besteht zumindest die Hoffnung, daß auch dann, wenn sich dereinst meine Tage dem Ende neigen werden, es auf dieser Welt noch Flecken geben wird, wo die galoppierende Verniedlichung der Umgebung noch keine Spuren hinterlassen haben wird, wo eine Fabrikhalle noch aussehen darf wie eine Fabrikhalle, ein Rathaus nicht aussehen muß wie ein Klärwerk (trotz vergleichbaren Gehalts an Verdauungsendprodukten) und eine Fußgängerzone (sind deren Anwohner dann eigentlich Fußgängerzonis?) nicht anmutet, als sei sie während einer Kindergarten-Projektwoche unter Alkoholeinfluß gestalterisch durchgeplant worden. Noch gibt's schöne, oder zumindest ehrliche und unverkitschte Ecken auf der Welt.

Aber Schlabonskis Welt ist auf dem Vormarsch. Rette sich, wer kann. (Eigentlich fehlt hier jetzt das Geräusch anrückender Planierraupen, aber multimedial läßt meine Welt ja ohnehin zu wünschen übrig - hier werden noch Anforderungen an des Lesers Phantasie gestellt, daß sich die Fußnägel kräuseln, jaha!)

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