Terrourismus

Endlich. Es ist Urlaub. Für 14 Tage im Jahr möchte der deutsche Durchschnittsbürger seine Arbeit, seinen Streß und die Restfamilie getrost vergessen. Um dies zu erreichen, stürzt er sich in ein halbes Jahr von Vorbereitung, die ihm mehr Arbeit und jede Menge Streß mit der Restfamilie beschert.

Doch das kann einen wahren Urlauber nicht erschüttern. Und weil man sich nicht erholt, wenn einem die Saftnasen, die man schon fast den ganzen Tag auf "eigenen" Straßen sehen muß, auch noch in den mehr oder weniger wohlverdienten Ferien begegnen, wird die Reise ins Ausland gebucht - selbstverständlich billig soll es sein, und möglichst weit wech. Unter dem Motto "Wenn wir damals schon nicht alles erobern konnten, dann terrorisieren wir sie heute eben mit unserem Auftreten" schlägt der deutsche Urlauber kaltblütig zu.

Statt Stahlhelm kennzeichnet heute der Schlapphut mit der berüchtigten "I-Love-Schwarzwald"-Plakette und der aufgenähten schwarzrotgoldenen Fahne den Deutschen im Ausland. Statt Uniform sind es viel zu enge Bermuda-Shorts, deren Gummiband 10 cm über dem Bauchnabel den rutschfreien Halt garantieren soll. Die Springerstiefel sind heute als Sandalen getarnt, und nicht zu vergessen: als Waffe fungiert heute nicht das Gewehr, sondern das deutsche Bier, das extra mitgenommen wird, da das so titulierte Gesöff im Ausland ja wie Kotze schmecken muß... Um sich daran zu erinnern, hilft das ungewaschende Hawaiihemd mit den Flecken der Vorjahre.

So bucht der Billig-Urlauber eine Billig-Reise bei einer Billig-Agentur und steigt in eine zweimotorige Topolev aus dem Jahr '54, um mit Fallschirm bewaffnet an der Steilküste knapp neben der Herbergsbaracke zu zerschellen. Klar, daß da das Lästern über die schlechte Unterbringung, den miesen Service und der kaputten Kläranlage neben dem Hotel keine Grenzen kennt. You get what you pay for, oder watt?

Aus diesem Grund bevorzugen ältere, weniger risikobereite Leute die Busreise nach Italien, Österreich oder in irgendeinen deutschen Wald mit Hotel, die sie durch ein Preisausschreiben gewonnen haben, bei dem sich kein Gewinner an seine Beteiligung am selbigem erinnern kann. So verwundert es auch nicht, daß 180 km "in der Nähe" von Rom in einem Lagerhaus mit Kaffeeautomaten und Kuchenbuffet gebrauchte Schafsdecken zum günstigen Sonderpreis von 3844 Mark und 89 Pfennige an den Mann gebracht werden. Als Sondergeschenk erhält der Kunde dann auch eine einwöchige Busreise für EINE Person nach Liechtenstein (falls er/sie mit einer weiteren Person reisen möchte: Mit 860,- DM ist sie/er dabei!) Wer bei der Veranstaltung nicht mitmacht, kann sich ja in der Stadt... nagut, im Dorf... ok, bei den Scheunen gemütlich die Beine vertreten. Aber wer würde das schon tun... Natürlich darf sich der kaufende Reisende auch der Sehenswürdigkeiten erfreuen, die er auf seinen Weg zu Gesicht bekommt. Dank der Reiseführung, die alle Sprachen außer Deutsch hervorragend versteht, werden Bauwerke, unwegsames Gelände und diverse Abwasserkanäle einer Stadt mit historischen Hintergrund in exakt 20 Minuten abgearbeitet.

Solch einem Streß würden sich Camper oder Wanderurlauber selbstverständlich nicht aussetzen. Stattdessen werden 300 km Fahrt pro Tag durch einspurige Bergstraßen mit Wohnmobil oder gar -anhänger (sechsmeterachzich inkl. nachgemachter Kunst-Eiche-rustikal-Imitat-Schrankwand, gezogen vom Familienvectradiesel) gern in Kauf genommen. Man will ja schließlich was haben von seinem Urlaub. Endlich auf dem überfüllten Platz angekommen und den Abfall vom Vorgänger beseitigt, wird das warme Bier angezapft und der Grill unter Zuhilfenahme von eigens mitgebrachten Farbresten aus der heimatlichen Garage angeschmissen. Den ohnehin bereits mit Salmonellen behafteten, nun auch noch reichlich angegifteten Bratwürsten droht der grausame Tod durch Verbrennung; man gut, daß das eh keiner mehr ißt!  *würg*

Genau jetzt würde ein Wanderurlauber, über solch ungesunde Lebensart kopfschüttelnd, 30 km über das Gelände marschieren, um sich der Sehenswürdigkeiten der scheinbar menschenleeren Natur zu erfreuen, die er kurz darauf mit seinem Urin, dem leeren Bunsenbrennerbehälter und verrußten Risottodosen markieren wird. Auch jenseits der allgegenwärtigen Bahnlinien und Brennerautobahnbrücken muß sich die Krone der Schöpfung schließlich angemessen verewigen.

Hin und wieder geraten dann doch einmal an einer allgemein zugänglichen Ortschaft alle Arten deutschen Urlaubertums aneinander - spätestens im Souvenirshop neben einem gar wichtigen Gebäude, wo einmalige Geschenkideen tausendfach kopiert und in Plastik gegossen für teures Geld verscherbelt werden. An solchen Orten werden die Gegensätze klar. Mit vollautomatischer Kleinbildkamera bewaffnet wird alles festgehalten, was festzuhalten ist, inklusive dieser verlotterten Rucksacktouristen aus Bochum. Daß sie dabei immer im Bild der anderen stehen, scheint sie keineswegs zu tangieren. Und erst wenn die prüfend-herabsetzenden Blicke den anderen Mitbürger treffen, ist es wieder Zeit, weiterzuziehen. Vorher aber wird noch rasch an der örtlichen Pommesbude in fließendem Schwäbisch eine Currywurst-Pommes-rot-weiß bestellt, und wehe dem Ausländer, der das nicht auf Anhieb versteht!

Doch das Ausland wehrt sich... In Österreich wird der Wein mit Kühlflüssigkeit versüßt, in Großbritannien garniert Pfefferminzsoße überm Haggis (Schafsinnereien im Dickdarm) zusammen mit essiggetränkten Chips (Pommes) das Frühstücksmahl, und in den USA werden die Bandenkriege vorsichtshalber vor Autovermietungen an Flughäfen verlagert. Man tut mithin alles, um sich der Terrouristen zu erwehren, aber natürlich tunlichst erst nachdem diese die Reise bezahlt haben. Die Reisekasse selbst wird dann halt nicht der örtlichen Tourismusindustrie, sondern der Medizin oder auch direkt den Einwohnern zugeführt. Eine begreifliche Form der Sebstverteidigung.

Schade nur, daß mit all den Einnahmen die schönsten Orte der ganzen Welt nach und nach mit reichlich Beton, den obligatorischen Mäckdonnels-Filialen und natürlich jeder Menge Kitsch so umgestaltet werden, daß sie genau so aussehen wie die Kleinstadt am Rande des Autobahnkreuzes, der der Urlauber zu entfliehen suchte.

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