Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Weiche Ware, weiche Birne

8. Juni 1998

Neben siebenunddreißig anderen Werbebriefchen flattert heute auch einer ins Haus, in dem ein kleines Sßoftwehrunternehmen aus Wildeshausen mir seine Dienste feilbietet. "Denken Sie schon heute an den Jahrtausendwechsel!", so empfiehlt mir die Murks & Fummel GmbH und rät mir, mal zu testen, ob meine Buchhaltung denn Jottzwokah-fest sei.

17. August 1998

Weil sonst nur Scheißeschöpfen bei Frau Grödel auf'm Plan steht, beschließe ich, den ollen Atari mal anzuwerfen und einen Jottzwokah-Test zu machen. Es kommen sogar Rechnungen raus – mit Daten wie "19.03.19100", na toll. Ich suche den Wisch von Murks & Fummel.

19. August 1998

Ich finde ihn und rufe da an. Man verspricht mir, einen Prospekt zu schicken.

24. August 1998

Der Briefkasten quillt über mit einer DIN-A-4-Hochglanzbroschüre von Murks & Fummel. Sieht ja schon nett aus, was deren Programme alles so können. Eine Preisliste ist nicht dabei, aber ein Formular, mit dem ich mir ein persönliches Angebot erstellen lassen kann. Ich fülle es aus und schicke es weg.

12. September 1998

Das Angebot ist da. 37.000,-- zzgl. MwSt, außerdem ein Angebot für die benötgte Hardware: Server, zwei Arbeitsplätze, zwei Drucker, macht 17.800,--. Natürlich ebenfalls netto.

13. September 1998

Meiner Frau die Kreuzfahrt und meinem Gesellen den neuen Laster ausgeredet. Man muß da schon Prioritäten setzen. Der olle Hanomag tut's sicher noch 'ne Weile, und die Frau... auch. Fahrn wer eben wieder mit'm Caravan nach Dänemark. Und die blauen Flecken verheilen bis dahin schon.

7. März 1999

Heute ist "Projektauftakt-Sitzung" mit den Jungs von Murks & Fummel. Der Geschäftsführer persönlich, eine Marketingschnepfe und der Projektleiter, ein Herr Laller, alle in meinem Kontor. Wie peinlich – die sehen völlig deplaziert aus hier zwischen den rostigen Schnüffelstücken. Sagen aber nix dazu. Vier Stunden lang wird geredet, dann steht der Zeitplan. Am 1. Juli können wir mit dem neuen System arbeiten, heißt es. Ein paar Fragen sind noch zu klären, aber Herr Laller versichert mir, das sei alles kein Problem.

19. Mai 1999

Bis Juli is ja nu nich mehr so weit hin, also ruf ich mal bei Murks & Fummel an und frag, wie's denn so steht. Die Sekretärin verspricht mir, daß ich zurückgerufen werde.

20. Mai 1999

Ich ruf da nochmal an. Au, Herr Schlabonski, ja, Moment, der Herr Laller is grad inner Besprechung. Achso. Ja dann. Doch, das versteh ich schon.

22. Mai 1999, abends

Herr Laller ruft zurück. Ja, Herr Schlabonski, natürlich sind wir voll im Plan, wir sollten dann vielleicht auch mal ne Terminabsprache für den Testbetrieb machen, wie wärs denn, raschel, blätter, mit dem 24. Juni? Is das nichn büschen knapp, frag ich. Ja, meint er, wenn nix schiefgeht, dann klappt das schon.

17. Juni 1999, vormittags

Herr Laller und ein Programmierer, Herr Selters, installieren die neuen Rechner. Leider haben sie keine Stromkabel dabei. Sonst sei aber alles soweit klar. Unterschreiben Sie hier. Achja, Fahrtkosten gehn extra. Logisch. Mach ich ja auch so.

22. Juni 1999

Herr Selters ist nochmal vor Ort. Diesmal hat er auch Stromkabel dabei. Er installiert die Betriebssysteme, Datenbanken und was noch nich alles, und natürlich auch die neuen Programme. Leider schaffen die Programme es nicht, sich bei den Datenbanken anzumelden, Herr Schlabonski, weiß jetzt auch nich warum, mussich mal mit Wildeshausen klären.

23. Juni 1999, spätabends

Heureka. Es funktioniert.

24. Juni 1999, morgens

So, Herr Schlabonski, dann erfassen Sie mal Ihre Kundenstammdaten. Ja, wie, sag ich, die wollten Sie doch vom Atari übernehmen? Wie, sacht Herr Selters, echt? Haben Sie uns denn Testdaten gegeben? Nöö, wüßt ich jez nich. Haben Sie denn danach gefragt?

24. Juni 1999, vormittags

Der Geräuschpegel hat wieder einigermaßen normale Werte angenommen. In Wildeshausen schreiben ein paar Leute mal eben ein Importprogramm. Ich arbeite weiter mit dem Atari.

29. Juni 1999

Das Importprogramm funktioniert, bis auf die Umlaute. Herr Laller verschiebt den Echtbetriebsstart auf den 1. September. Auch gut. Probieren Sie einfach mal'n büschen mit den Programmen rum, Herr Schlabonski, dassie sich da schomma dran gewöhnen. Na sicher. Hab ja auch sonst nix zu tun.

27. Juli 1999

Murks & Fummel, Seiher, guten Tach? Ja, Schlabonski hier, den Herrn Laller hättich gern ma gesprochen. Tut mir leid, der is in Urlaub.

31. Juli 1999

Ich hab denen mal meine Fehlerliste gefaxt. Anruf von Selters: Ja, wir haben hier ein paar interne Probleme, könnt 'n Moment dauern, wir melden uns. Ja, sach ich, am 8.8. is Teststart, kommen Sie denn dann her? Weißichnich, sachter, ma kucken.

3. August 1999

Ja, Herr Schlabonski, wir haben da ein Problem. Der Herr Laller hat die Quelltexte von Ihrem Importprogramm auf seinem Läpptopp mit in Urlaub genommen, und erreichen können wir ihn da aunnich. Ach. Das bedeutet? Wir können den Fehler nicht reparieren, bis er wiederkommt. Wann ist das? Am 25.8., glaubich. Oh prima.

8. August 1999

Es läuft ja so leidlich. Die Fehlerliste ist auf siebzehn Punkte zusammengeschnurrt, und so langsam kommich mit dem neuen Zeuch klar. Dassich jez drei Wochen "Parallelbetrieb" machen muß, is zwar nervich, aber mal kucken, das schaffen wir schon.

13. August 1999

Meine Ex-Frau fährt mit meinem Gesellen auf Kreuzfahrt. Die Arbeit steht mir bis zu den Ohren. Aber so nach Mitternacht is ja genuch Zeit zum Nachpflegen der Aufträge im neuen System. Vom Korrigieren der Umlaute mal ganz zu schweigen.

27. August 1999

Selters ist mal wieder vor Ort, wir drucken Rechnungen. Leider beschränkt sich die Ähnlichkeit zwischen denen aus dem Atari und denen aus dem Murks & Fummel-Teil auf Äußerlichkeiten wie Sprache und Anschrift. Die Preise sind jedenfalls falsch. Dafür ist Laller wieder da und hat sich von seinem Anschiß auch schon wieder einigermaßen erholt. Und die Umlaute gehen jetzt auch. Logisch, habbich ja alle schon manuell korrigiert.

29. August 1999

Erneute Verschiebung des Echtbetriebsstarts auf den 1. Oktober.

4. September 1999

Brief von Murks & Fummel: Wegen interner Schwierigkeiten bedauern wir außerordentlich ..., personelle Probleme ..., bitten um Ihr Verständnis ..., 1. November. Ich ruf da an: Nein, Herr Selters arbeitet hier nicht mehr. Dascha interessant.

2. Oktober 1999

Ich erhalte eine Testversion, drucke Rechnungen. Schon viel besser. Leider geht dafür die erneute Übernahme der Stammdaten in die Hose.

17. Oktober 1999

Der Geschäftsführer von Murks & Fummel höchstpersönlich schreibt mir einen dreiseitigen Entschuldigungsbrief, versichert mir, daß man mit höchster Priorität an meinem Problem arbeite und mit voller Mannschaft meinen Echtbetriebsstart begleiten werde, um sofort auf eventuelle Probleme reagieren zu können.

19. Oktober 1999

Murks & Fummel mahnt die zweite Rate an. Ich scheiße die Buchhaltungstussi am Telefon zusammen, obwohl die doch gar nix dafür kann.

31. Oktober 1999

Die "volle Mannschaft" besteht aus Herrn Laller, dem neuen Programmierer Herrn Marker und – sonst keinem. Naja. Die Stammdatenübernahme klappt, sogar incl. Umlaute. Hoffnung keimt auf. Die Rechnungsdatenübernahme klappt nicht, stattdessen stürzt das System ab. Kein Thema, meint Herr Laller, "das übernehmen wir nach". Von mir aus.

1. November 1999, morgens

Ich verschiebe ein paar Termine bei Kunden.

1. November 1999, nachmittags

Die zweite Rechnungsdatenübernahme klappt. Ich fahr zu Frau Gloer, Verstopfung beheben.

1. November 1999, abends

Ich drucke die ersten Rechnungen. Die Preise scheinen zu stimmen.

2. November 1999

Murks & Fummels "volle Mannschaft" reist ab. Das neue System läuft scheint's einwandfrei.

6. November 1999

Frau Hansen ruft an und fragt, wie oft ich ihr denn noch dieselbe Rechnung schicken wolle. Ich überprüfe mein Rechnungsausgangsbuch und alarmiere Murks & Fummel. Man verspricht mir eine neue Programmversion.

10. November 1999

Die neue Programmversion ist da. Die Umlaute gehen nicht.

13. November 1999

Ich arbeite wieder mit der alten Programmversion und storniere die doppelten und dreifachen Rechnungen zu Fuß. Mit der Tabellenkalkulation auf dem alten Atari führe ich Protokoll darüber, welche Rechnungen rausgegangen sind und welche nicht.

20. Dezember 1999

Das Problem mit den doppelten Rechnungen ist gelöst. Die OP-Liste enthält nur noch Kleinkram.

23. Dezember 1999

Murks & Fummel mahnt die dritte und letzte Rate an.

2. Januar 1900

Moment... "2. Januar 1900"? So steht's auf der Rechnung.

3. Januar 2000

Ich tippe meine Rechnungen wieder mit der alten Olympia, die hat wenigstens kein Jottzwokah-Problem. Seitdem komm ich auch wieder zum Arbeiten. Und der Server von Murks & Fummel ist ganz ordentlich, sacht mein Stift – bloß ne neue 3D-Karte brauchter, damit man damit anständich Quäik spielen kann. Soll er haben.

Erstellt am 15.08.2000.

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