Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Winter

Ja, nun, da die Tage fast schon wieder länger werden wollen, Du aber davon auch nix hättest, weil's trotzdem arschkalt und finster ist da draußen; wo sich der Schneematsch durch die einen Sommer lang geflissentlich ignorierten Risse in den Schuhsohlen frißt und der kalte Nordwind Dir am liebsten die steifgefrorenen Ohrläppchen abbeißen zu wollen scheint; da suchst Du doch gern die Zuflucht ins gemütliche Zuhause, wo statt der Witterung es die geliebten Menschen sind, die Dir das Leben zur Hölle machen.

Eine ätzende, klebrige Harmonie liegt über allem, schließlich dräut ja am Horizont auch schon wieder das Fest der Liebe, und wer weiß, wie lange wir danach noch zu leben haben. Muttern bäckt steinharte und trotzdem pappige Kekse, von denen jeder weiß, daß sie noch Ostern zum Sonntagskaffee gereicht werden; es gibt endlich wieder Christstollen, jenes Gebäck, von dem Du noch Stunden später was hast, wenn Du die klebrigen Bestandteile aus den Zahnlücken klaubst; und allüberall hebt ein Tuscheln an, wann immer jemand den Raum verläßt: Was schenken wir dem bloß? Die gemeuchelte Tanne liegt auf dem Balkon und friert, aber wir haben es schön warm, außer vielleicht tief drin in der Seele.

Aus dem Radio plätschert seichtes Geleier, jedes Jahr dasselbe zudem: Läääßt krissmäß ei gäwwjuh mei hart, battse werri neckst däi juh gäwwitt awäi. Das war schon Mitte des 17. Jahrhunderts brutal, aber es wird durch endlose Wiederholungen wider Erwarten nicht besser. Abseits der Reichweite des Rundfunks perlt Dir überall Stille Nacht (welch selige Vorstellung) oder O Tannebaum aus den öffentlichen Lautsprechersystemen entgegen, selbst Händis versuchen sich erfolglos an weihnachtlichen Klingelmelodien, und Du beginnst allmählich sogar Peter Schilling, jene Ölpest der Tonkunst, zu verstehen, der einst sang: Stille Nacht, heilige Nacht, irgendwo wird grad einer umgebracht.

Du hättest da auch schon ein paar Kandidaten.

Irgendwann erträgst Du's dann nicht mehr und verläßt fluchtartig den Ort des Grauens, sei's nun trautes Heim oder lautes Horten. Doch draußen liegt überall dieser kalte Glibber, schön rosabraun versalzen und nur darauf wartend, sich durch die Radkästen Deines Autos oder auch die Haut Deines Gesichts zu fressen, wenn ihn mal wieder ein Stadtbus in ansehnlicher Fontäne quer über den Bürgersteig geworfen hat. Dafür ist die Innenstadt aber brechreizerregend hübsch beleuchtet, und an jeder Ecke stinkt's nach Glühwein, ob nun vor oder nach dessen Konsum. Tja, selbst die Penner saufen ihren Wein jetzt warm, auch gut, spart das Obdachlosenheim Heizkosten. Und auf Parkbänken schläft dieser Tage nur, wer wirklich muß – gevögelt wird zuhause, wenn überhaupt.

Funkelnde Glassplitter auf den Auslagedecken der fliegenden Edelschrotthändler glitzern mit denen der geborstenen Streuscheiben vom letzten Glatteisunfall um die Wette, und Du fühlst Dich irgendwie an die Reichskristallnacht erinnert, die ja nun auch schon nicht mehr so heißen darf, weil das wohl zu festlich klingt. Dabei paßt's doch so schön zur Stimmung dieser Tage. Nur ein paar hundert Kilometer von hier werden Städte zerbombt, und Du kuckst sich in der eigenen um und denkst Dir: Die Idee hat was.

Doch wir sind ja hier sicher wie in Abrahams Schoß. Freunde und Helfer patroullieren verkrampft grinsend durch die Straßen, wissend, daß diese ach so friedliche Jahreszeit ein Höhepunkt der jährlichen Kleindeliktskurve ist. Die Verkrampftheit des Gesichtsausdrucks hat aber einen anderen Grund: er ist schlicht festgefroren. Nur aus den Äuglein funkelt der Haß auf die Kollegen, die seit vier Stunden im bullenwarmen Omega mit laufendem Motor sitzen und wie Luchse aufpassen, daß keiner auf der Eisplatte dahinten mit durchdrehenden Rädern anfährt. Aber wie sollte man auch – der Stau reicht ja eh einmal um die City rum. Naja, vielleicht haben sie ja Glück und können wenigstens einen Radler hoppnehmen, dem es im Schneematsch mißlang, das quer auf dem Radweg geparkte grünweiße Vehikel zu verfehlen.

Auch am Taxistand wird der geschulte Beobachter endlich wieder des vertrauten Wettgröckelns der E-Klassen und Passats – Standheizung, wozu? Ein rechter Fuhrmann braucht keine Standheizung – nebst den dazugehörigen vielleicht krebserregenden, sicher aber übelriechenden Blaurauchschwaden gewahr. Oma schleift ihren Dackel mit von Salz und Splitt entzündeten, wundgeschürbelten Pfoten und schöner warmer Schottenkaro-Preßverpackung mit Gewalt durch den Dunst, aus eigener Kraft kann sich das Vieh wegen Sauerstoffmangel ja eh nicht mehr bewegen. Aber dem netten jungen Mann mit dem vor Langeweile halbtoten Zirkusesel gibt sie dann doch 'ne Mark in die Blechbüchse, das aaarme Tier braucht ja auch was zu fressen. Jetzt aber nix wie ab zu Karstadt, da ist diese leckere Gänsestopfleberpastete aus Ungarn grade im Angebot. So'n Stand vom Tierschutzbund kann man da in der Eile schon mal übersehen, gell Oma? Jaaa.

Oh du fröhliche-he, oh du selige-he, gnadenwringende Weihnachtszeit. Laßt mich hier raus! Zehnmal werden wir noch wach, heißa dann ist die Gans endlich verdaut und ausgeschieden, und alles geht wieder seinen geregelten Gang. Die Debilen denken zwar, ein neues Millennium bräche an, aber eigentlich ändert sich nichts, weder jetzt noch im nächsten Jahr. Aber auch das ist ja nichts Neues. Achja, Sylvester kommt dann ja auch noch; endlich mal wieder 'ne Gelegenheit, sich die Hand abzusprengen oder Augen, Ohren oder Genitalien zu grillen. Juchei.

Alles Leugnen hilft nichts: es wird Winter in Schlabonskis Welt. Es wird kalt werden, und es wird grau werden. Und so wird es bleiben. Weckt mich im März... ach was. Laßt es.

Erstellt am 15.12.1999.

Schlabonskis Welt:
Site Meter
Für Statistik auf den Counter klicken!