Yo, Man! oder: Modernes Liedgut

Überall branden sie uns entgegen, die Wogen der populären Sangeskunst. Dereinst beschränkt auf Radio und Supermarkt, wird die Berieselung mit mehr oder weniger melodischen Nebenprodukten der Computerrevolution zusehends zum Dauerzustand. Selbst eigene Wohnung und eigenes Auto taugen nur unvollkommen als Fluchtpunkt, der lieben Nachbarn bzw. anderen Verkehrsteilnehmer wegen.

An sich ist das ja nicht dramatisch, Musik ist ja was Schönes, wenn auch Geschmackssache. Irgendwo zwischen Niederauracher Almdudlern und Killah-Rap gibt's für jeden ein Intervall von Musikstilen, die nicht sofort Brechreiz hervorrufen. Auch für mich. Doch, wirklich.

Das Problem ist ein anderes: die Qualität der Machwerke ist im Schwinden begriffen. Seit man kein -zigtausend Mark teures Tonstudio mehr braucht, um ein Lied aufzunehmen, sondern nur noch 'nen Aldi-PC nebst raubkopierter Software, nutzen immer mehr Nachwuchskünstler die Chance, mal eben den Tophit von morgen zusammenzuklicken, statt sich wie weiland die Generation der Dylan-Jünger monatelang auf der A-Gitarre die Finger wundzuschrammeln. Unter dieser Abkürzung leiden die Melodien und Harmonien, aber wirklich grausam ist das nicht.

Wirklich grausam wird's erst bei den Texten, die ja auch keiner mehr korrekturliest.

Angefangen hat alles mit dem Niedergang des Adverbs in einer rührseligen Schnulze von Elvis "Fettbacke" Presley namens "Love Me Tender". Was mißverstanden wurde als Aufforderung zum zärtlichen Liebhaben (bzw. Rammeln), ist, übersetzt man's korrekt, eher der Wunsch einer Dampflokomotive nach angemessener Wertschätzung seitens ihres Kohlenvorratswagens.

Und gelernt hat die Dorfjugend daraus was? Adverbe sind altmodisch. Der Abstieg des "-ly" war die logische Folge. Weitere Opfer folgten. Und heute?

Da singt ein zartes Stimmchen, frei übersetzt: "Ich fürchte mich im Dunkeln, besonders im Park, wenn sonst niemand in der Nähe ist. Oh, ich fange an zu zittern. Ich möchte keinen Geist sehen, vor diesem Anblick fürchte ich mich am meisten." Gut, schön, aber: was ist Dein Problem, Schnepfe? So denkt der Hörer und erwartet eingangs des Refrains eine starke Zeile, einen satt schnatzenden Übergang. Was aber kommt? "Lieber hätte ich ein Stück Brot und würde die Abendnachrichten sehen." Naja, denkt man sich, eine Strophe kann schon mal daneben gehen. Und was ist? Die anderen sind schlechter. Die letzte Zeile paßt grundsätzlich nicht zum Thema der anderen, auch nicht zum Rhythmus oder Versmaß, sondern ist mit dem Holzhammer eingebaut - und reimt sich trotzdem nicht. Und der Refrain selbst? "Leben. Oh, Leben. Ooh, Leben. Oh, Leben. Duh-du-du-duh." Well, that's life. Ganz toll.

Sicher, auch in der Vergangenheit gab's solche Beispiele, und einige davon werden heute noch gespielt. Auch gebe ich zu, daß die Übersetzung ihren Teil zur Lächerlichkeit beiträgt. Aber während man bei früheren "Top-Acts" noch eine gewisse Qualitätssteigerung beobachten durfte von "De do do do, de da da da" zu "It's Probably Me" oder von "Love Me Do" zu "Blackbird", so ist heute die Kenntnis der englischen Sprache beim Radiohören ein grundsätzlicher Nachteil: man versteht den Mist. Und wenn man als Nicht-von-Geburt-an-Englisch-Sprechender da Fehler drin findet, was müssen dann Muttersprachler denken oder gar die armen Schweine, die es singen? Oder sind die wirklich so doof? Man mag's nicht glauben.

Fast ist man dankbar für die andere Art modernen Liedguts, jene nach dem allgegenwärtigen Strickmuster: ein Computer, der trommelt, ein Neger, der spricht, und eine Frau, die schreit. Denn da versteht man wenigstens die Texte nicht. Gottseidank.

Das Schlimmste aber ist die Cover-Manie. Kein Lied ist zu heilig oder zu schlecht, als daß man's nicht, mit ein paar "Yo, Man", "Here we go", "One time", "Right" oder "Heeey hooo" unterlegt, zum dumpfen Wummern eines Synthesizers schlecht nachsingen und dabei allenfalls den Text subtil zum Schlechteren variieren könnte. Oft reicht ja auch nur 'ne Zeile des alten Werks, wenn das ganze zu anspruchsvoll zu werden droht: einfach ein paar Minuten lang wiederholen lassen und dabei, Selbstgespräche führend, an den "Band in a Box"-Parametern rumspielen - fertig ist ein neuer Superhit.

Das beste Zeichen für den galoppierenden Niedergang der westlichen Kultur ist, wenn man bei den ersten zwei Minuten seines Lieblingsliedes im Radio bang die Luft anhält aus Furcht, es könnte eine Coverversion sein.

Und schon geraten die Originale in Vergessenheit. "The First Cut is the Deepest", letzthin gecovert, wurde mehrfach angekündigt als "eine Version eines alten Rod-Stewart-Songs". Jaja. Und "Always on My Mind" ist von den Pet Shop Boys, gell? Ich hör schon fast die nächste Coverversion von "Killing Me Softly", und all die neunzehnjährigen Veteranen der Popgeschichte werden wissend nicken und einer Meinung sein darüber, daß das Original von den Fugees doch viel besser war.

Wo bleibt er, der Sender, der nur Originale spielt? Vermutlich in meinem Kopf.

Noch gibt's auch alte Werke auf CD zu kaufen, nur: wie lange noch? Und wird die übernächste Revolution der Tonträger wieder die ganzen, nein, die meisten "Altlasten" aufs neue Medium mitschleppen? Schon heute gibt's Musiker, von deren Gesamtwerk nur Bruchteile auf CD zu haben sind. Wen kümmert's? Doch wir werden es erleben, daß CDs genauso archaisch anmuten wie heute Tonbänder (nicht Cassetten, Bänder, so richtig mit Einfädeln und so, kennt die noch wer?). Wer kennt dann noch Cat Stevens, Elvis Presley oder Roberta Flack?

Mir graust vor der Zukunft. Wie immer. Schließlich ist dies Schlabonskis Welt.

Die Idee mit dem zwei Minuten Luftanhalten aus Angst vor einer Coverversion ist schamlos geklaut von Carola Heine alias Melody, www.melody.de. Und die Beschreibung des "Strickmusters" ist von Frank Lambrecht.

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