Schlabonskis Welt ...only life is worse...

Diehsain oder Nichtsein: Ford Scorpio

Oder: Die Sterne stehen schlecht

Granada 1 am Anfang... ...und Granada 2 am Ende Der Niedergang eines Auto-Images

Erinnert sich hier noch wer an den Ford Granada? Das war in seiner ersten Inkarnation ein erschütternd barock geschteiles, in seiner zweiten dann ein wie mit der Axt aus dem Vollen gehackt wirkendes Dickschiff von einer Limousine, das neu den Traditionalisten (Motto: Viel Auto fürs Geld), gebraucht den Pragmatikern (Motto: Viel Anhängelast für wenig Geld) und verbraucht dann immerhin noch den Möchtegern-Amischüsseltretern (Motto: für Achtzylinder kein Geld) zu gefallen wußte und dessen letzte Exemplare schon vor gut einem Jahrzehnt auf dem Autoput (Motto: Ich kaufen Granada, ich nix Geld) zuschanden geritten worden sind.

Vermißt hat sie kaum einer, höchstens die Capri- und Transitfahrer, die seitdem nicht mehr so billig an Sechszylindermotoren kommen, aber andererseits, die werden ja auch weniger, macht also nix – wo war ich? Achja: Vermißt hat sie also kaum einer, warum auch? Es war kein sensationelles Auto. Nicht mal ein sensationell häßliches oder beschissenes. Es hatte seinen Käuferkreis, Ford hatte seinen Absatzmarkt, und außer Opel waren auch alle glücklich damit.

'88er Schrägheck-Scorpio

Bis zu einem schönen Tag im Jahre 1988. Ford-Kunden rieben sich die Augen: Was ist das denn? Sieht aus wie ein großer Renault. Ist aber keiner, sagten die Verkäufer siegessicher, das ist der neue Ford Scorpio. Oh, sagten die Kunden, Scorpio, interessant, wie mein Sternzeichen, gibt's den auch mit Stufenheck?

Nö.

Die Kunden kauften dann stattdessen bei Opel Senatoren oder vielleicht gebrauchte 123er beim Daimler-Hökerer an der Ausfallstraße. Denn ein großes Schrägheckauto? Soviel Neues auf die alten Tage? Nee, nee. Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Dabei war der Schrägheck-Scorpio gar nicht mal soo schrecklich. Bestimmt kamen auch statt der Umhäkelte-Klorolle-Spazierenfahrer andere Menschen, die ihn schön fanden, in die Verkaufsräume – und kauften ihn möglicherweise sogar. Und eigentlich war das Ganze doch dann gar nicht mal so ungeschickt von Ford, sagt Ihr?

Bis jetzt nicht. Aber das war ja auch erst der erste Teil des Dramas.

'93er Stufenheck-Scorpio

Kaum ein paar Jahre später, just zu der Zeit, da die ersten '88er Scorpios auseinanderzufallen begannen (denn Fords waren sie, und Fords waren sie geblieben) und ihre Besitzer sich ergo nach Ersatz umsahen, hatte Ford nämlich doch schon erkannt, daß es sich ohne die Stufenheck-Klientel eher schlecht lebt in der dünner werdenden Luft der Oberklasse. Statt nun aber zusätzlich zum mutigen Schrägheck ein ödes Stufenheck zu bauen, taten sie in ihrer unendlichen Weisheit das einzig Falsche: sie lösten ersteres durch letzteres ab.

Bravo. Schon wieder einen Kundenkreis vergrault. Zweimal in einem Jahrzehnt. Das zeugt immerhin von Konsequenz.

Denn die öde Stufenheck-Kiste wollte nun wirklich keiner mehr. Verständlich – am Diehsain, das '88 noch frisch erschienen war, hatte man sich inzwischen sattgesehen. Solche Autos gab es auch aus Japan, Schweden oder sonstwoher, wo man Rost und Technik vielleicht sogar ein wenig besser im Griff hatte als in Köln. Und so dümpelte Fords gar nicht mal so stolzes Flaggschiff träge in der Verkaufsstatistik umher, mal knapp vor dem Alfa 75, mal knapp hinter dem VW Corrado – und Ford verkaufte gut 'ne Million Mondeos stattdessen.

Das konnte so nicht weitergehen. Und deswegen folgt denn auch der dritte Teil des Dramas.

'95er Scorp*huaaaalgs*

Wir schreiben 1995. Die Welt sieht Mercedes mit anderen Augen, und Ford möchte da nicht zurückstehen. Wir nähern uns dem furchterregenden Höhepunkt in der Geschichte der großen Ford-Limousinen aus Deutschland: der neue Scorpio ist da.

Mit einem Gesicht wie ein an den Seiten leicht eingelaufener Mercedes SEC, später CL, glotzt uns das Vehikel dümmlich an, als wolle es sagen: "Kauf mif, if bim eim innividell gefteiltef Lukfuff-Aupo!" Modische Seitenblinker in Pflaumenform und Alufelgen von Rudis Reste-Rampe vereinen sich mit Türgriffen aus Korea und einer Frontschürze, die direkt einem auf Porsche Turbo gequälten Käfer zu entstammen scheint, zu einem Diehsainbrei, der geschmacklos und doch unverdaulich wirkt.

Schlimmer noch: das Heck. Prall gerundet wie der Arsch einer Granadabeifahrerin, oben zusammengekniffen in Andeutung eines Schpoilerchens (als wenn's da noch was zu verderben gäbe), mit einer protzigen Chromleiste und betont unauffälligen Rückleuchten, die dem Nachfolgenden zurufen: "Übersieh mich bitte!" Na, vielleicht klappt's ja, danach hat die Karre dann wenigstens Form.

Und so kam's denn, wie es kommen mußte, ja vielleicht sogar sollte: Die Marktanteile sanken weiter, denn außer Ford-Vorstandsmitgliedern, Masochisten und Berufsprovokateuren kaufte jetzt wirklich keiner mehr einen Scorpio. Und als die erstgenannten dann in einem Befreiungsschlag den trudelnden Nobelhersteller Jaguar erstanden, um endlich aus dieser automobilen Mißgeburt von Dienstwagen herauszukommen, sanken die Zahlen dann schließlich in den negativen Bereich: es wurden mehr Kaufverträge gewandelt als abgeschlossen, und neulich entschlief dann heimlich, still und leise die Produktion. So heimlich, daß es eigentlich gar keiner gemerkt hat, außer vielleicht den armen Kreaturen, die ihn montieren mußten. Er starb wie ein Altbundestagspräsident: unbeweint, ungeliebt und unbesungen.

Ford, die tun was. Oder: Wie mache ich mir meinen Markt kaputt, in drei einfachen Schritten. Schlabonski gratuliert. Ach ja, und an alle Fahrer eines Granada oder Scorpio da draußen: hebt sie gut auf, sonst glaubt in 20 Jahren keiner meiner Leser, daß das sowas wirklich mal gab.

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Erstellt am 11.07.2000
Letzte Änderung am 20.07.2004 11:47 (CEST)
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